Buchentdeckungen

Einige Gedanken zu Literatur und Philosophie

Subscribe

Wolfgang Beutins Streit- und Lesebuch ĂŒber Luther offenbart einen in jeder Hinsicht radikalen Reformator (Teil 3)

Juni 03, 2017 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher

Wolfgang Beutins Streit- und Lesebuch „Der radikale Doktor Martin Luther“ zeigt einen in jeder Hinsicht radikalen Reformator. Das betrifft nicht nur seine Haltung gegenĂŒber Juden und TĂ€ufern, sondern genauso zu den aufbegehrenden Bauern. Radikal war aber auch Luthers Einstellung zu den Frauen, zumindest was ihre Bildungschancen betraf.

Im ersten Moment mag es erstaunen, dass Luther gleichzeitig heftige Kritik an der Obrigkeit ĂŒben und doch auch die bedingungslose Unterwerfung der Untertanen unter genau diese Obrigkeit verlangen konnte. So kritisierte er in seiner 1527 veröffentlichten Schrift „Ob kriegsleutte auch yun seligem stande seyn kĂŒnden“, es sei „leyder allzuwar, das der mehrer teyl FĂŒrsten und herrn gottlosen Tyrannen vnd Gotts feinde sind“.

Und in einem Schreiben an den sĂ€chsischen Kanzler Gregor BrĂŒck prangerte er der „widerwĂ€rtigen FĂŒrsten Frevel“ an.

Ein Recht der Untertanen, sich gegen die Tyrannei und Frevel dieser Obrigkeit aufzulehnen, leitete Luther daraus jedoch nicht ab. Im Gegenteil: Selbst die schlimmste Tyrannei und grĂ¶ĂŸten Frevel der Obrigkeit sollten die Untertanen zu bedingungslosem Gehorsam verpflichten.

flattr this!

Wolfgang Beutins Streit- und Lesebuch ĂŒber Luther offenbart einen in jeder Hinsicht radikalen Reformator (Teil 2)

Mai 01, 2017 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher

Nicht nur gegenĂŒber den Juden ließ Luther jegliche Menschlichkeit vermissen. Mit der gleichen HĂ€rte wĂŒtete er ebenfalls gegen die damals noch als WiedertĂ€ufer bezeichneten TĂ€ufer.

Vor allem in Nordwestdeutschland und in den Niederlanden wurden die TĂ€ufer von der weltlichen wie kirchlichen Obrigkeit mit Ă€ußerster BrutalitĂ€t verfolgt und zu Tausenden umgebracht. Obwohl sie mit ihrer scharfen Kritik an der katholischen Kirche Teil der Reformationsbewegung waren, tolerierte Luther ihre Verfolgung nicht nur, sondern begrĂŒĂŸte sie sogar ausdrĂŒcklich. Beutin zitiert dazu unter anderem die Bemerkung Luthers: „Die WiedertĂ€ufer sind geköpft! Denn sie sind aufrĂŒhrerisch und lassen nicht ab von ihrem Irrtum.“

Die TĂ€ufer erhoben allerdings nicht nur kirchliche, sondern ebenso politische Forderungen. Dazu gehörte beispielsweise auch die Trennung von Kirche und Staat. Die TĂ€ufer bildeten allerdings keine einheitliche Bewegung. Nur eine kleine Minderheit war bereit, auch mit dem Schwert gegen die gottlose Obrigkeit zu kĂ€mpfen. Die große Mehrheit dagegen lehnte ausdrĂŒcklich jegliche Gewalt ab. Die bestehende gesellschaftliche Ordnung wurde von ihr zwar kritisiert, aber zugleich als gegeben akzeptiert.

flattr this!

Wolfgang Beutins Streit- und Lesebuch ĂŒber Luther offenbart einen in jeder Hinsicht radikalen Reformator (Teil 1)

April 30, 2017 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher

Rechtzeitig zum Reformationsjahr 2017, das in der Öffentlichkeit fĂ€lschlicherweise oft zu einem Lutherjahr degradiert wird, hat der Historiker und Literaturwissenschaftler Wolfgang Beutin sein Streit- und Lesebuch „Der radikale Doktor Martin Luther“ vorgelegt. Oder genauer gesagt: die dritte, stark ĂŒberarbeitete und erweiterte Auflage des bereits 1982 im Vorfeld von Luthers 500. Geburtstag in erster und 1983 im Jahr seines 500. Geburtstages in zweiter Auflage erschienenen Titels. Das Ausmaß dieser Überarbeitung widerspiegelt nicht zuletzt auch der um 70 Prozent gewachsene Seitenumfang.

Wenn sich Beutin auf Luther beschrĂ€nkt, heißt das aber nicht, dass er die anderen VĂ€ter der Reformation ausklammern wĂŒrde. Auf dessen Mitstreiter und Widersacher geht er jedoch nur in dem Umfang ein, wie es fĂŒr ein besseres VerstĂ€ndnis der geschichtlichen und theologischen Bedeutung Luthers geboten erscheint.

Die Grundrichtung seines LutherverstĂ€ndnisses offenbart Beutin bereits im Buchtitel „Der radikale Doktor Martin Luther“ und unterstreicht er auch noch einmal in seinem Vorwort, wenn er ankĂŒndigt, dass in dem Buch „der ‚radikale‘ Doktor Martin Luther hervorgekehrt“ werde.

flattr this!

Aslı Erdoğans Romane „Der wundersame Mandarin“ und „Die Stadt mit der roten Pelerine“ im Vergleich (Teil 2)

MĂ€rz 27, 2017 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher

Nur zwei Jahre nach „Der wundersame Mandarin“ erschien in der TĂŒrkei 1998 Aslı Erdoğans Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“. Im Vergleich zum wundersamen Mandarin ist er wesentlich komplizierter konstruiert. Im ersten Moment scheint er allerdings Ă€hnlich eingĂ€ngig geschrieben zu sein. Wieder versetzt uns Erdoğan gleich in den ersten SĂ€tzen in eine fremde Stadt. Diesmal jedoch nicht in das betuliche Genf, sondern ins quirlige Rio de Janeiro.

„Rio ist der schönste Ort der Welt“ – jedenfalls behaupten das „die Einwohner ĂŒber ihre Stadt“, eröffnet Erdoğans Protagonistin den Leserinnen und Lesern. Doch ihre Protagonistin will keine Loblieder anstimmen, wie sie sogleich verkĂŒndet. Im Gegenteil: Sie verbinde schon lange nichts mehr mit dieser Stadt, obwohl auch sie einst ihrem Zauber erlegen war.

flattr this!

Aslı Erdoğans Romane „Der wundersame Mandarin“ und „Die Stadt mit der roten Pelerine“ im Vergleich (Teil 1)

Februar 28, 2017 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher

2008 schien die Welt noch in Ordnung. Damals war die TĂŒrkei Gastland der Frankfurter Buchmesse. Mit deutschsprachigen Übersetzungen tĂŒrkischer Autorinnen und Autoren sah es jedoch schlecht aus. Seit LĂ€ngerem versuchte das Ministeriums fĂŒr Kultur und Tourismus der TĂŒrkei diesen Missstand mit dem TEDA-Programm gegenzusteuern. Dank der UnterstĂŒtzung durch TEDA konnten mit Aslı Erdoğans „Der wundersame Mandarin“ und „Die Stadt mit der roten Pelerine“ pĂŒnktlich zur Buchmesse zwei weitere Romane aus der TĂŒrkei auf dem deutschen Buchmarkt erscheinen.

Heute gilt Erdoğan dagegen dem Regime von als höchst gefĂ€hrliche Staatsfeindin. (Trotz der Namensgleichheit ist Aslı Erdoğan ĂŒbrigens nicht mit dem tĂŒrkischen PrĂ€sidenten Recep Erdoğan verwandt. Erdoğan ist in der TĂŒrkei vielmehr ein weitverbreiteter Name.) Im August 2016 in Istanbul im Rahmen einer Verhaftungswelle von 23 Journalisten und Mitarbeitern der tĂŒrkisch-kurdischen Tageszeitung ÖzgĂŒr GĂŒndem wegen „Propaganda fĂŒr eine illegale Organisation“, „Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation“ und „Volksverhetzung“ festgenommen, wurde im Dezember 2016 der Prozess gegen die Schriftstellerin und acht weitere Angeklagte vor einem Instanbuler Gericht eröffnet.

flattr this!

  • Kategorien

  • Archive