Buchentdeckungen

Einige Gedanken zu Literatur und Philosophie

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Robert Wolfgang Schnells Roman „Erziehung durch Dienstmädchen“ erinnert an den Märzaufstand gegen den Kapp-Putsch

November 30, 2016 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂĽcher

Am 8. März 2016 wäre der Schriftsteller Robert Wolfgang Schnell 100 Jahre alt geworden. Die Browse Gallery nutzte diesen Anlass, um mit einer Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien in Berlin an diesen heute weitgehend vergessenen Schriftsteller, Maler, Schauspieler und Theaterregisseur zu erinnern – für mich ein Anlass, nach langer Zeit wieder einmal zu seinem Roman „Erziehung durch Dienstmädchen“ zu greifen.

Erstmals mit Schnell in Berührung gekommen bin ich Ende der 1960er Jahre. Da lag seine Zeit als Regisseur am Deutschen Theater (unter dem legendären Intendanten Wolfgang Langhoff) bereits bald zwei Jahrzehnte zurück und war die von ihm, dem Schriftsteller und Grafiker Günter Bruno Fuchs sowie dem Bildhauer und Grafiker Günter Anlauf gegründete Kreuzberger Hinterhofgalerie Zinke schon lange Vergangenheit. Schnell und Fuchs, hieß es, seien Kommunisten, gar bis zu ihrem Verbot 1956 Mitglieder der KPD gewesen. Schnell bezeichnete sich selbst gern selbstironisch als einen »Stalinisten und Total-Demokraten«. Letzteres war er bestimmt, ersteres garantiert nicht.

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Volker Brauns Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ hält die Sehnsucht lebendig

Oktober 26, 2016 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂĽcher

Volker Brauns Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ hält die Sehnsucht lebendig

Seitdem die DDR und damit auch die Hoffnung auf eine menschlichere Gesellschaft untergegangen ist, gehört Volker Braun zu den Suchenden. Davon legt auch sein neuester, 2016 bei Suhrkamp erschienener Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ ein virtuoses Zeugnis ab.

Wie gerne würde Braun sich aus dem wenig erfreulichen, deprimierenden Hier und Heute in ferne Welten träumen, in denen es heiter und sorgenfrei zugeht. Gleich im den Lyrikband eröffnenden Gedicht „Bestimmung“ lesen wir von dieser Sehnsucht:

Ja, mein Sehnen geht ins Ferne
Wo ich heitre Dinge treibe.
Doch bestimmen mich die Sterne
DaĂź ich fest am Boden bleibe.

Doch Braun ist kein Träumer, der die Bodenhaftung verliert. Aber es ist nicht leicht, diese Bodenhaftung zu bewahren. Sie ist keine Beglückung, sondern eine Last:

Und so gern ich mich erhebe
Zieht mich eine Last nach unten
Eingenäht in mein Gewebe
Hat sie ihren Ort gefunden.

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Eine lesenswerte Wiederentdeckung: Gerhard von Amyntors Essay „Eine moderne Abendgesellschaft“ über die „Judenfrage“

Oktober 13, 2016 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂĽcher

Die Arbeiten von Gerhard von Amyntor sind heute weitgehend vergessen, seine Bücher schon seit Langem nicht mehr erhältlich. Dass seit Kurzem wieder sein im Untertitel als „Plauderei über Antisemitismus“ bezeichneter Essay „Eine moderne Abendgesellschaft“ vorliegt, ist dem Kulturwissenschaftler Martin A. Völker und dem Elsinor-Verlag zu verdanken.

Im ersten Moment mag man sich an dem Begriff Plauderei stoßen. Doch dazu gilt es zu vermerken, dass die Plauderei keineswegs zu allen Zeiten mit oberflächlich gleichzusetzen war. Wenn „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ von 1906 von einer „leichten, geistreichen Plauderei über Tagesereignisse auf allen Gebieten des geistigen Lebens“ spricht, macht es den Bedeutungswandel deutlich. Es wurde immer sehr unterschiedlich benutzt.

Der Judenhass spaltet die Gesellschaft in zwei feindliche Lager

Gerhard von Amyntor, der eigentlich Dagobert von Gerhardt hieĂź, schrieb seinen Essay 1881 als Reaktion auf den immer schneller um sich greifenden Antisemitismus.

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Über Maxim Gorkis „Warenka Olessow“ und seinen Disput mit Lenin (Teil 2)

September 29, 2016 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂĽcher

Maxim Gorkis berühmter Zeitgenosse Leo N. Tolstoi hielt von der Erzählung „Warenka Olessow“ allerdings wenig. Vor allem die Darstellung Warenkas hielt er für völlig unglaubhaft. Eine gesunde Frau verhalte sich ganz anders, als Gorki es in seiner Erzählung schildere. Ein gesundes Mädchen kenne kein Schamgefühl, war Tolstoi überzeugt.

In seinen 1919 bis 1923 geschriebenen Erinnerungen an Tolstoi gibt Gorki dessen Kritik wieder:

Ein junges Mädel von 15 Jahren, das gesund ist, will umarmt und betastet werden. Ihre Vernunft scheut sich noch vor dem Unbekannten, dem Unverständlichen – das nennt man Keuschheit oder Schamhaftigkeit. Aber ihr Körper ahnt schon, daß das noch nicht Verstandene unvermeidlich und einem Gesetz unterworfen ist, welches Erfüllung heischt, entgegen aller Vernunft. Sie schildern diese Warenka Olessowa als ein gesundes Mädchen, aber ihre Empfindungswelt ist die eines Geschöpfes mit schlechtem Blut. Das ist unwahr!

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Über Maxim Gorkis „Warenka Olessow“ und seinen Disput mit Lenin (Teil 1)

August 31, 2016 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂĽcher

Es muss Ende der 1960er Jahren gewesen sein, dass mir Maxim Gorkis „Warenka Olessow“ in die Hände gefallen ist. Gehört hatte ich den Namen Gorki bereits, doch von ihm gelesen bis dato nichts. Den Band hatte ich irgendwo antiquarisch erstanden. Äußerlich machte er wenig her: Eingebunden in einen grünlichen, einen Leinenbezug vortäuschenden Pappeinband, gedruckt auf sichtbar nachgedunkeltem gelblichen Papier, präsentierte der 1946 im Aufbau-Verlag erschienene Sammelband außer der titelgebenden Erzählung fünf weitere Geschichten. Letztere beeindruckten mich damals allerdings bei Weitem nicht so wie „Warenka Olessow“.

Dass ich gerade jetzt wieder an diese Erzählung erinnert wurde, habe ich Walter Benjamin zu verdanken. Beim Schmökern in seinen Gesammelten Werken entdeckte ich auch seine Rezension des 1924 im Wiener Verlag für Literatur und Politik veröffentlichten Sammelbandes „Wladimir Iljitsch Lenin, Briefe an Maxim Gorki 1908–1913“. Fast folgerichtig musste ich dabei an „Warenka Olessow“ denken.

Die Handlung der Erzählung lässt sich in wenigen Sätzen wiedergeben:

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