Der Dichter und Rebell Erich Mühsam (Teil 2)
Erich Mühsam macht es einem nicht leicht. Die Wiederentdeckung in den siebziger und achtziger Jahren galt vor allem seinen politischen Schriften. Anarchist, Aufrührer, Rebell, Weltverbesserer, Kommunist, Bohemien, Bürgerschreck: Das waren die richtigen Zutaten, um ihm die Aufmerksamkeit bei Lesern wie Buchhandel zu sichern – und auch bei mir. Als Lyriker empfanden Erich Mühsam jedoch wohl die wenigsten.
Die kämpferische, oft auch drastische Sprache galt – und gilt – vielen als „unlyrisch“.
„Wir töten, wie man uns befahl,
mit Blei und Dynamit,
für Vaterland und Kapital,
für Kaiser und Profit.
Doch wenn erfüllt die Tage sind,
dann stehn wir auf für Weib und Kind
und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
die lichte Sonne sieht.“
Geschrieben im Jambus mit männlicher Kadenz, wirken seine Zeilen zwar eindringlich-beschwörend, doch nicht Bilder, sondern politische Schlagworte prägen die Verse. Lyrisch-zart und voller wunderbarer Bilder kommen selbst seine Liebesgedichte nicht daher.
Ich bin verdammt zu warten
in einem Bürgergarten
auf das geliebte Weib.
Nun sitz ich hier als Beute
gewissenloser Leute
mit breitem Unterleib.
Sie sind so froh beim Biere,
bald zwei, bald drei, bald viere –
und reden vom Geschäft.
Die Gattin spricht vom Hause,
die Töchter trinken Brause,
und Flock, das Hündchen, kläfft.
Die Kellnerinnen schwirren.
Die Tischgeschirre klirren.
Der Himmel scheint so blau.
Wie süß ist’s doch, zu warten
in einem Bürgergarten
auf die geliebte Frau.
Nicht zu unrecht wurde seine Dichtkunst von ihren Kritikern als Agitpropkunst verdammt – und von seinen Bewunderern aus genau dem gleichen Grund bewundert.
„Völker, erhebt euch und kämpft für die ewigen Rechte!
Kämpft und erobert die Freiheit dem Menschengeschlechte!
Reif ist die Zeit. Völker, erhebt euch zum Streit!
Duldet nicht Herren noch Knechte.“
Keine sich an den Regeln traditioneller Lyrik mehr orientierenden Verse, sondern ein flammender Appell, weder „Herren noch Knechte“ zu dulden: Das war der Ruf nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die bereits die Revolutionäre der Französischen Revolution 1789 und der Europa erschütternden Revolution von 1848 gefordert, aber nicht erreicht hatten. Nicht einen Rollentausch wollten wir, um statt getreten zu werden selber treten zu dürfen, sondern neue, auf Gleichberechtigung beruhende zwischenmenschliche wie gesellschaftliche Beziehungen.
Doch wie sollten diese neuen Verhältnisse geschaffen werden?
Dass gesellschaftliche Umwälzungen über Wahlen zu erreichen seien, hielt Erich Mühsam für ein Ammenmärchen. Vielmehr spottete er: „Das einzige Recht des deutschen Mannes besteht darin, daß er im Laufe von fünf Jahren einmal in eine verschwiegene Zelle treten und einen Zettel in ein verschwiegenes Gefäß werfen darf“.
Als am 11. September 1973 General Augusto Pinochet das Experiment eines parlamentarisch-demokratischen Sozialismus in Chile mit einem Militärputsch beendete, waren wir um eine Erfahrung reicher. Oder genauer gesagt: Zu diesem Zeitpunkt hofften wir noch. Gerüchte über internationale Brigaden nach dem Vorbild der Verteidiger der Spanischen Republik 1936 kursierten. Währendessen jubelte CDU-Generalsekretär Bruno Heck, in dem zum Konzentrationslager umgewandelten Sportstadion von Santiago de Chile lasse es sich „bei sonnigem Wetter recht angenehm“ leben. Und Franz Josef Strauss feierte den Foltergeneral, mit ihm erhalte „das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang.“ Die SPD reagierte zwar anfangs etwas zurückhaltender, entschuldigte sich aber bei den Putschisten schnell mit einem Millionenkredit für ihren anfänglichen Wankelmut. Unser Hoffen war vergeblich.
Erich Mühsam hatte die Sozialdemoratie schon früh in seine Gesellschaftskritik einbezogen. „Nein, die Rolle, die die roten Herren im politischen Leben spielen, ist nicht beneidenswert. In der Theorie müssen sie immer noch so tun, als seien sie Sozialisten, Revolutionäre, denen die kapitalistische Gesellschaftsordnung ein Greuel ist und deren Kampf ein konsequentes Sturmlaufen gegen Monarchie, Heer, Kapital und jegliche Ungleichheit und Unfreiheit darstellt. In der Praxis aber posaunen sie lauter als irgendwer andres das Recht auf die Wahlstimme, das Recht, sich in der bescheidenen Form, die (zumal der deutsche) Parlamentarismus erlaubt, an der Verwaltung des so arg befehdeten Staatswesens zu beteiligen. In der Praxis gilt ihnen das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht als letztes Ziel ihres revolutionären Strebens“.
Viel mehr als das Vokabular hatte und hat sich seitdem nicht geändert. 1966 ging die SPD, die sich nur zwei Jahre zuvor von ihrem linksoppositionellen Studentenbund getrennt hatte, eine Koalitionsregierung unter dem Ex-Nazi Hans Georg Kiesinger ein, 1968 stimmte sie den Notstandsgesetzen zu, 1972 beschloss sie die Berufsverbote, und Willy Brandt verteidigte den Krieg der Amerikaner in Vietnam. Die „neue Ostpolitik“ und der Fall des alten Abtreibungsparagraphen 218 wogen da im Vergleich entschieden zu wenig. Wen verwundert es, wenn wir auf Demonstrationen „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten“ skandierten und mit wachsender Begeisterung Erich Mühsam lasen?
Bereits 1909 – zwei Jahrzehnte vor der Niederschlagung der Münchner Räterepublik durch deutschnational gesinnte Freikorpstruppen und kaisertreue Reichswehrverbände – spottete Erich Mühsam über die Sozialdemokraten, die sich selten scheuten, auch mit der äußersten Rechten zu paktieren, wenn es dem Machterhalt nützte, sich zugleich aber auch immer wieder einmal aufmüpfig zu geben versuchen, wenn das politische Tagesgeschäft es sinnvoll erscheinen ließ.
„War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: ‚Ich revolüzze!‘
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.“
So gerne Erich Mühsam über den politischen Gegner spottete, die ernste Auseinandersetzung mit Positionen und Meinungen überwog doch bei weitem – und immer wieder verband er sie mit Aufrufen zur Tat.
„Ihr habt nicht gekämpft, ihr habt nur gewählt
und habt voll Stolz eure Stimmen gezählt –
und statt euch von jedem Herrn zu befrein,
nahmt Herren ihr an aus den eigenen Reihn –
und wähltet und priest eurer Stimmen Zahl
und ließet die Taten dem Kapital …
Oh, zählt nicht länger, wie viele ihr seid –
zerreißt die Ketten! Zerbrecht das Leid!
Im Sturmesbrausen der Revolution
ist Ein Mann stärker als eine Million!
Der Ruf ertönt: Auf, Proletariat!
Millionenmal Einer! Zum Sturm! Zur Tat!“
Von diesem Sturm sind wir heute in Deutschland weiter entfernt denn seit langem.
„Nicht Demut sei dein Streben, sondern Mut!
Nicht winseln sollst du, sondern dich erlösen!“
