Buchentdeckungen

Einige Gedanken zu Literatur und Philosophie

Subscribe

Artikel der Kategorie Januar, 2010

Claudio Magris‘ Eurydike zieht die Unterwelt dem „höllischen Durcheinander“ der Oberwelt vor

Januar 25, 2010 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher Noch keine Kommentare →

Dienstag Abend im Hörsaal 1b der Freien UniversitĂ€t Berlin: Der italienische Schriftsteller Claudio Magris ist zu Gast. Bewusst begegnet bin ich seinem Namen das erste Mal, als Magris im Sommer vergangenen Jahres mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Spontan kaufte ich mir damals „Die Welt en gros und en dĂ©tail“ – und war fasziniert. Lange schon hatte mich kein Buch mehr so in seinen Bann gezogen.

Heute Abend steht allerdings ein anderes Werk von ihm im Mittelpunkt: Das vom Carl-Hanser-Verlag punktgenau zur Preisverleihung auf den Markt gebrachte „Verstehen Sie mich bitte recht“. AnnĂ€hernd 300 Interessierte dĂŒrften gekommen sein, um eine moderne Aufbereitung der Sage von Orpheus und Eurydike kennenzulernen.

Die moderne Eurydike musste sich, weil sich ihr „Gesundheitszustand schlagartig [
] verschlechtert hatte“, in ein Heim einweisen lassen. Doch es ist kein modernes, lichtes Haus, sondern ein Ort des DĂ€mmerlichts, in dem die Menschen ihre IndividualitĂ€t verlieren und zur einer grauen Masse werden. „[
] hier drinnen sieht man [
] wenig, ein Schatten gleitet vorbei, ehe man sein Gesicht erkennen kann, ganz abgesehen davon, dass alle Ă€hnlich aussehen“.

Tags: , , , , , , , ,

Friedo Lampe: Radikales Brechen mit traditionellen ErzÀhlformen (Teil 2)

Januar 19, 2010 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher Noch keine Kommentare →

Mal folgt Friedo Lampe den handelnden Personen von einem Ort an den anderen, dann wieder lĂ€sst er sie in die Dunkelheit verschwinden und die nĂ€chsten die SpielflĂ€che betreten. So wie er in „Am Rande der Nacht“ auf einen durchgehenden Handlungsstrang verzichtet, kennt er auch keine Hauptpersonen. Es gibt weder Helden noch Gegenspieler. Genau das, was jedes „gute“ Lehrbuch fĂŒr angehende Schriftsteller als unumstĂ¶ĂŸliche Wahrheit deklariert, ignoriert Friedo Lampe. Die Rolle des Helden ĂŒbernimmt bei ihm – wenn man es so will – die Nacht, das Dunkle.

Seine Menschen sind SpielbĂ€lle höherer MĂ€chte. Alles Geschehen kommt aus dem Dunkeln, das undurchschaubar, undurchdringlich ist, angsterregend, verwirrend, aber auch verlockend und berauschend. Die Nacht ist sowohl die Zeit der Ratten als auch des Glamours, der Einsamkeit wie der VergnĂŒgungen. Nur eines bringt die Nacht so wenig wie der Tag: Gemeinsamkeit.

Tags: , , , , , , , , , , , , ,

Friedo Lampe: Radikales Brechen mit traditionellen ErzÀhlformen (Teil 1)

Januar 12, 2010 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher Noch keine Kommentare →

Ein Zufall – oder genauer gesagt ein Besuch bei F. in G. – verhalf mir zur Bekanntschaft mit einem Autor, der lesenswert, aber doch weitgehend vergessen ist. Als Friedo Lampe am 2. Mai 1945 in Kleinmachnow bei Berlin von einer sowjetischen MilitĂ€rpatrouille als vermeintlicher SS-Angehöriger erschossen wurde, lag es nicht nur an den Kriegswirren, dass niemand diesen Verlust bemerkte. Friedo Lampes schmales Werk – zwei Romane sowie zwei Dutzend Novellen, ErzĂ€hlungen und Balladen – hatte nur wenige AnhĂ€nger gefunden.

Vielleicht wĂ€re seinen BĂŒchern in friedlicheren Zeiten mehr Erfolg beschieden gewesen. Doch sein DebĂŒtroman „Am Rande der Nacht“ erschien erst im November 1933 und damit wenige Monate nach der MachtĂŒbergabe an die Nazis. Nur vier Wochen spĂ€ter wurde es von ihnen bereits auf die „Liste des schĂ€dlichen und unerwĂŒnschten Schrifttums“ gesetzt und damit faktisch verboten. Seine dĂŒsteren Schilderungen des gesellschaftlichen Verfalls und die Darstellung homosexueller Beziehungen mochten die Nazis nicht tolerieren. Beides passte nicht in ihr Bild von der arischen Rasse.

Tags: , , , , , , , , , , , ,


Bad Behavior has blocked 30 access attempts in the last 7 days.