Immer diese vielschreibenden und schwer verständlichen Autoren
Überschriften müssen vor allem eines sein: Reißerisch. Dass dieses Selbstverständnis keineswegs nur für die Boulevardpresse gilt, demonstrierte vor wenigen Tagen die Zeit, als sie im Feuilleton titelte: „Literaturkanon: Weg damit!“ Worum es in dem Beitrag tatsächlich ging, fasste die Redaktion im Artikelvorspann zusammen: „Gibt es Klassiker, die sich überholt haben?“
13 junge deutsche Autoren unter 35 Jahren sollten den „Kanon der Literatur“ einer kritischen Überprüfung unterziehen. Herausgekommen seien sehr konkrete Vorschläge zur „Entschlackung des literarischen Kanons“.
Den Auftakt macht der Lyriker Steffen Popp mit einer furiosen Generalabrechnung. Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß, Döblins Berlin Alexanderplatz, Uwe Johnsons Jahrestage, Wolfs Kindheitsmuster, Grass‘ Rättin, Frieds Gedichte, Benns Lyrik, Hesses Gedichte: Alle diese Werke würden „überschätzt“, seien „unerträglich“ oder zum Kotzen. Aussortieren möchte Popp auch Manns Gesellschaftsroman Die Buddenbrooks, den er durch Schernikaus Montageroman Legende ersetzen möchte. Nun ist gegen das schmale Werk des früh an AIDS gestorbenen Ronald M. Schernikau überhaupt nichts einzuwenden, aber warum muss Popp es gegen Thomas Mann ausspielen?
Im Vergleich zu ihm nehmen sich die anderen Jungautoren richtig bescheiden aus. Der Romanautor Thomas Klupp möchte nur Döblins Berlin Alexanderplatz loswerden, denn durch diesen Roman sei er auch beim dritten Anlauf noch nicht bis zum Ende vorgedrungen. Und ein Roman, mit dem er nicht zurandekommt, muss natürlich aussortiert werden. Welch ein Glück, dass Klupp (noch) nicht zum Literaturkanon zählt. Ich müsste ihn nämlich dann – nach seinen eigenen Kriterien – aussortieren.
Clemens Setz, der es mit seinem Roman Die Frequenzen in die Endrunde um den Deutschen Buchpreis 2009 geschafft hatte, missfällt besonders Bachmanns Malina. Auf Hemingways Wem die Stunde schlägt gut verzichten könnte der Erzähler Paul Brodowsky. Den Literaturkanon um Franz Kafka erleichtern möchte die Lyrikerin Uljana Wolf.
Was Lehrer lieben, kann nicht gut sein
Einen Schlussstrich ziehen will die Romanautorin und Lyrikerin Nora Bossong unter Bertholt Brecht. „… zweieinhalbtausend Gedichte sind zu viel“, findet sie. Da würden Gedichte „zur Massenware“. Bis zu Goethe scheint Bossong noch nicht vorgedrungen zu sein – oder erschien ihr ein Wettern gegen ihn doch als zu riskant für die eigene Karriere? Zudem werde Brecht auch noch von den Lehrern geliebt. Dass dies im Westen Deutschlands keineswegs immer so war – wir schrieben als Gymnasialschüler seine Gedichte von einer Schallplatte ab, weil er eine persona non grata war und in unserem Deutschlesebuch fehlte –, scheint sie nicht zu wissen.
Sehr viel spannender als die Entsorgungsvorschläge lesen sich die Überlegungen des Geschichtenerzählers Finn-Ole Heinrich zu Fontanes Effi Briest – ein Buch, das er wie wohl die meisten Menschen als Schüler gehasst hat. Heute dagegen erkennt er aktuelle Bezüge: „Was denken andere von mir, was sollen sie denken, wie sehr verbiege ich mich, um ein bestimmtes Bild zu erzeugen?“ Auch wenn sich gesellschaftliche Konventionen geändert hätten, müssten sich die Menschen weiterhin mit Zwängen und Erwartungshaltungen auseinandersetzen.
Auch wenn es mehr mit Martin Walser, Böll, Koeppen, Borchert, Grass und Benn mehr als genug Klassikerautoren gebe, „die ich nicht ausstehen kann“, schreibt Romanautor Kevin Vennemann, ein „Ausmisten“ lehne er trotzdem ab. Stattdessen fragt er, was einen Autor überhaupt zu einem Klassiker werden lasse. Vielleicht, dass sein Werk „sehr viel länger gebraucht worden“ sei als das eines Durchschnittsautors? Diese Frage werfe jedoch gleich die nächste Frage auf. Wer entscheide, wie dieses „Brauchen“ gemessen werde. Dass Vennemann darauf verzichtet, Antworten zu geben, die nahezu zwangsläufig nur sehr oberflächlich ausfallen könnten, machen seinen Beitrag noch erfreulicher.
Auch die Lyrikerin Daniela Danz möchte den Kanon „nicht entrümpeln“. Im Gegenteil plädiert sie für Vielfalt und bedauert, dass sich das Interesse immer mehr auf einige wenige, für besonders herausragend erachtete Arbeiten reduziere.
Kritisch äußert sich ebenfalls die Romanautorin Susanne Heinrich zum Entrümpelungsversuch der Zeit. Auch sie mag keine Bücher „aussortieren oder gar ungeschrieben machen“. Stattdessen wünscht sie sich einen den Kanon erweiternden Roman, der den Platz von Remarques Im Westen nichts Neues einnehmen könne – einen Antikriegsroman über Afghanistan, der es schaffen müsse, „das Kriegsbild einer ganzen Generation zu prägen“.
Diese differenzierenden Stellungsnahmen ließen mich den Zeit-Artikel doch mit einigem Interesse zu Ende lesen. Dass Fritzchen Müller keine Erbsensuppe mag und Lieschen Müller keinen Bohneneintopf dürfte selbst die Fans von Dieter Bohlen nicht interessieren. Warum sollte mich also interessieren, ob Thomas Klupp sich vergeblich mit Alfred Döblin abrackert oder Nora Bossong sich wie eine widerborstige Schülerin gebärdet?
Im Gespräch bleiben ist wichtig – das Thema zweitrangig
Nun könnte ich es mir leicht machen und die Werke der Wegräumer mit jenen der Weggeräumten vergleichen. Vielleicht verbirgt sich hinter dem Wegräumverlangen einfach nur Neid, es noch nicht so weit wie Kafka, Brecht, Döblin, Grass oder die anderen Angefeindeten gebracht zu haben. Ständig gegen diese Überväter anschreiben zu müssen, ist bestimmt sehr aufreibend – wer wollte es bestreiten?
Oder verbirgt sich dahinter die Hoffnung, im Gespräch zu bleiben. Worüber zerbricht sich das Feuilleton den Kopf: Über spannende literarische Neuerscheinungen, über nonkonformistische Autoren, über Skandale? Welcher Autor schafft es schon, jedes Jahr mit einem neuen Roman, einer neuen Kurzgeschichtensammlung, einem neuen Gedichtsband auf den Markt zu kommen – und es so in die Feuilletons zu schaffen.
Weiht Charlotte Roche die Leser in ihre Feuchtgebiete ein, wetteifern Dieter Bohlen und Stefan Effenberg um den Ruhm der peinlichsten Autobiographie oder bastelt Helene Hegemann ihren Copy-and-Paste-Roman, brauchen sie sich um ein langanhaltendes Medienecho keine Gedanken machen. Auch die Zeit weiß, was die Leser wünschen – oder zu wünschen haben. Feuchtgebiete feierte sie gar als „bedeutendes Werk feministischer Literatur“, als „herrlich freizügig“. Die Hegemann-Rezeption nicht nur in der Zeit habe ich bereits in Der Fall Helene Hegemann: Ein Armutszeugnis für die Literaturkritik und Der Fall Helene Hegemann: Eine Autorin demontiert sich selbst aufgegriffen. Immerhin: Stefan Effenberg wurde von der Zeit völlig übergangen und Dieter Bohlen mit einer äußerst ironischen Rezension bedacht. Andere Zeitungen hielten sich weniger zurück.
Für unbekannte Autoren, aus denen das Feuilleton nicht sofort eine Jahrhundertentdeckung oder einen Hoffnungsträger machen will, für Bücher aus wenig bekannten Verlagen, für ein nur schwer verkäufliches Genre wie Gedichte ist man in den Redaktionen selten bereit, mehr als einige wenige Zeilen Platz einzuräumen. Auch die Zeit macht da keine Ausnahme. Wirklich präsent waren Stefan Popp, Nora Bossong, Uljana Wolf, Daniela Danz und die meisten anderen selten. Dabei erging es ihnen noch fast gut. Wie der Zufall es manchmal will, stellte die Frankfurter Rundschau gerade den Lyriker Oswald Egger vor, der nach verschiedenen anderen Auszeichnungen jetzt auch den erstmals verliehenen und ungewöhnlich hoch dotierten Oskar-Pastior-Preis für experimentelle Lyrik erhalten hat. Für die Zeit reichte es trotz der Auszeichnungen bislang zu keiner Würdigung.

Mai 29th, 2010 at 08:22
Was die “Zeit” gemacht hat, ist zuerst ein völlig sinnloses Unterfangen, das beweist, dass der Redaktion offensichtlich nichts Besseres eingefallen ist. Was Referenzliteratur ist wird nicht von einer Handvoll Literaten der zweiten bzw. dritten Riege entschieden (Gott sei Dank!) sondern ist und bleibt eine Frage der breiten gesellschaftlichen Rezeption. Es liegt hier ein gesellschaftlicher Konsens zugrunde, der über lange Jahre gewachsen ist.
Dann finde ich den Beitrag auch ärgerlich, weil er lediglich einigen wenigen Stimmen Raum gibt, persönliche Werturteile (die klarerweise jeder hat, meine Großmutter genauso) abzugeben. Von der “Zeit” die Gelegenheit zu erhalten, über Kafka, Hesse, Thomas Mann usw. zu urteilen, schmeichelt sicher der Eitelkeit, und kommt insofern dem Profilierungsbedürfnis der befragten Literaten bestens entgegen.
Ich frage mich allerdings: Wer bitte schön ist z. B. ein Klupp, dass er dermaßen über Kafka urteilen möchte / darf?
Zeitverschwendung, sich damit zu befassen.
A. Ch. Glatz