Als afrodeutsche Autorin ist May Ayim auch heute noch vielen Deutschen verhasst
Das literarische Werk von May Ayim ist nicht sehr umfangreich: Die Gedichtsbände „blues in schwarz weiß“ und „Nachtgesang“, der Essay- und Gedichtsband „Grenzenlos und unverschämt“, einige Gedichte in dem Sammelband „Farbe bekennen“ sowie in verschiedenen Zeitschriften. Das war es bereits.
Mir begegnete die Autorin zum ersten Mal in diesem Frühjahr. Eine Notiz in der Tageszeitung Junge Welt war der Auslöser. An nur einem Abend las ich „blues in schwarz weiß“ aus.
„ich werde trotzdem
afrikanisch
sein
auch wenn ihr
mich gerne
deutsch
haben wollt
und werde trotzdem
deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze
nicht passt“
schleuderte May Ayim in ihrem „grenzenlos und unverschämt“ überschriebenen „gedicht gegen die deutsche sch-einheit“ allen entgegen, die sie offen oder versteckt auszugrenzen versuchten. Und von diesen gab es viele. 1960 als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen geboren, bekam sie als Afrodeutsche die Intoleranz ihrer Mitmenschen früh zu spüren. Dass sie ihren amtlichen Namen Sylvia Brigitte Gertrud Opitz gegen den Künstlernamen May Ayim tauschte, machte sie ihnen noch verhasster.
Ich gebe zu: Seit einer beruflich veranlassten Reise nach Ghana Mitte der achtziger Jahre interessierte mich das westafrikanische Land besonders. Ob ich sonst zu „Blues in schwarz-weiß“ gegriffen hätte, weiß ich nicht. Es gibt so viele Bücher, die ich gerne lesen möchte, dass ich nur einen Bruchteil tatsächlich zu lesen schaffe. Aber so weckte bereits ihre Biographie mein Interesse.
Politisches und Persönliches liegen in May Ayims Gedichten eng beieinander.
May Ayim gelingt es wie wenigen anderen zeitgenössischen politischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern – ich wähle hier bewusst beide Formen, um jede mögliche Fehlinterpretation auszuschließen –, Politisches und Persönliches in Einklang zu bringen.
In „entfernte verbindungen“ erinnert sie sich an ihre Eltern, die sie nach der Geburt in ein Heim gaben. das „entfernte“ lädt zu mehreren Deutungen ein: Die „Verbindungen“ zu ihren Eltern liegen weit zurück, sind längst verblasst Geschichte geworden. Aber die Verbindungen gingen nicht einfach verloren, sondern wurden „entfernt“. Letztlich sind ihre Eltern für May Ayim nichts weiter als „entfernte“ Verwandte.
Tatsächlich schmerzte sie die frühe Wunde mehr als sie in dem Gedicht zugab. Vergeblich versucht sie beim Vormundschaftsgericht mehr über ihre frühe Kindheit zu erfahren.
„der mann hinter dem Schreibtisch
[…]
er braucht keinen namen
– was ich mir bereits dachte –
sondern nur meine nummer“
Sie ist zu spät gekommen, die Akte wurde mit Erreichen der Volljährigkeit vernichtet. Für May Ayim
„fällt asche vom himmel
schwarze tränen tropfen
in einen ganz gewöhnlichen tag“
Enttäuschung spricht auch aus „vatersuche“. Das Bild, das sie sich von ihrem Vater machte, hält dem Vergleich mit der Wirklichkeit nicht stand. „zartbitter“ nimmt sie von ihm Abschied. Von der Mutter blieb gar nur „dunkelheit“:
„die mutter verschwand
im dunkel der zeit
[…]
das Kind blieb
meistens allein
das erste wort
war nur ein wort
MAMA“
So verwundert es nicht, dass das Abschiednehmen zu den immer wiederkehrenden Themen in ihrer Lyrik gehört. In dem Gedicht „nachtrag“ dichtete sie bedauernd:
„ich hätte dieses mal so gerne
ein gedicht geschrieben
das nicht
das nicht von abschied spricht“
Von der offiziellen Politik versprach sie sich nichts. Die Kluft zwischen den Sonntagsreden der Politiker und der alltäglichen Ausgrenzung war zu tief.
Enttäuschung über ein nur noch mit sich selbst beschäftigtes Deutschland
In „gegen leberwurstgrau – für eine bunte republik“ prangerte sie jene Politiker an, die regelmäßig vor Wahlen die „lieben ausländischen mitbürgerInnen“ entdeckten – „ohne bürgerrechte natürlich“. Zutiefst düstere Zeilen schrieb sie, als Neonazis in Eberswalde den aus Angola stammenden Arbeiter Antonio Amadeo Kiowa ermordeten und die anwesende Polizei tatenlos dem Verbrechen zusah:
„so ist es:
deutschland im herbst
mir graut vor dem winter“
Die zunehmenden Angriffe gegen sich als Afrodeutsche, gegen ihre Mitstreiterinnen in der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland, gegen Migranten, gegen andersfarbige Menschen, gegen alle Fremden ließen sie zunehmend dünnhäutiger werden.
Hinzu kam die Enttäuschung über ein Deutschland, das seit der Wiedervereinigung nur noch mit sich selbst beschäftigt war und in dem linke Bewegungen auf dem Rückzug waren. In ihrem Gedicht „am anderen ende der revolution“ karrikierte sie jene, die beim Kaffeetrinken „über mord und täglichen Tod“ plaudern:
„hoffnung und zorn
wachsen
zu
jute-statt-plastik-aktionen“
Kaffee aus Nikaragua und Tansania oder der Verzicht auf Früchte aus Südafrika seien zum Ersatz für politisches Handeln geworden. Nur noch lächerlich wirke die Drohung,
„wenn es noch schlimmer wird
werden wir anfangen
steine
zu schmeißen“
Die Bundestagswahl 1994 verglich sie mit dem „oktoberfest“. Wenn in der „schwarz rot goldenen Herbsteszeit“ die Birnen – eine Anspielung auf Helmut Kohl – leuchteten, dürfe das Volk wieder wählen:
„dann schreiten wir
[…]
zur Wahl
und wählen wahllos unser oberstes
wahlroß“
Auch das „wahlroß“ stand für den Kanzler „mit dem lieblichen namen ‚helmut‘“.
Als May Ayim 1996 die Diagnose Multiple Sklerose erhielt, war sie mit ihre Kraft am Ende und wählte sie den Freitod.
Straßenumbenennung in Berlin lässt Schlechtmenschen vor Wut geifern
Am Hass ihrer Gegner hat sich seitdem nichts geändert. Als im Frühjahr 2010 in Berlin eine Straße nach ihr benannt wurde, gifteten sie, die Umbenennung sei „eine Schande“. Vielleicht hätten sie sich weniger aufgeregt, wenn es nicht gerade Otto Friedrich von der Groeben getroffen hätte, einen Kolonialpionier, der im Dienste des brandenburgischen Kurfürstens Friedrich I. die einzige brandenburgische Kolonie eroberte. Dass sie mit dem Fort Großfriedrichsburg sehr bescheiden ausfiel, steht auf einem anderen Blatt. Aber lieber einen kleinen Kolonialpionier verehren als eine afrodeutsche Schriftstellerin. Auf die Idee, einen Menschen wie May Ayim zu ehren, könnten nur „Gutmenschen“ und „Altstalinisten“ kommen.
Da wir in der Geschichte ausreichend erlebt haben, wozu der Mob der Schlechtmenschen fähig ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich bei den „Gutmenschen“ und „Altstalinisten“ einzuordnen. Vielleicht regt die Straßenbenennung genauso wie dieser Blogbeitrag den einen oder anderen Menschen doch an, sich mit dem Werk von May Ayim auseinanderzusetzen.
Der Gedichtsband „blues in schwarz weiß“, aus dem die Zitate stammen, ist beim Orlanda-Verlag erschienen und liegt inzwischen in vierter Auflage vor.
May Ayim bei Amazon: blues in schwarz weiß

Juli 3rd, 2010 at 05:31
[...] Buchentdeckungen gibt es ein tolles Portrait über die afrodeutsche Schriftstellerin May Ayim zu lesen – mit Auszügen aus ihren Gedichten. Weiteren Lesestoff hat dieStandard.at: [...]
August 10th, 2010 at 07:04
[...] in seinem Blog „Buchentdeckungen“ über May Ayim geschrieben. In seinem Beitrag „Als afrodeutsche Schriftstellerin ist May Ayim auch heute noch manchen verhasst“ setzt er sich mit ihrem Gedichtband „blues in schwarz weiß“ auseinander und [...]