Die FAZ warnt wieder einmal vor Peter Handke – zu Recht
Wenn Deutschland Krieg führt, dann haben nicht nur wir Deutschen, sondern – zumindest – alle Europäer zu jubeln. Neu ist diese Forderung zwar nicht, aber angesichts wachsender Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung ergriff die FAZ die sich bietende Chance des 15. Jahrestages von Srebrenica, wenigstens ihre Leser wieder einmal auf eine Politik einzuschwören, die auf Krieg zur Lösung von Konflikten setzt.
Den Buhmann muss wieder einmal Peter Handke geben. Natürlich wird er nicht selbst befragt und kann damit auch nicht auf die Unterstellungen und Verfälschungen von Jürgen Brokoff antworten. Allerdings würde ihm das vermutlich auch schwerfallen, denn der in Bonn Germanistik lehrende Brokoff bevorzugt eine sehr einfache Beweisführung: Wenn „die überwiegende Mehrheit der Journalisten die Abwegigkeit von Handkes politischen Ansichten festgestellt“ habe, dann sei es auch so. Dass ein Wissenschaftler nicht mehr zu bieten hat, überrascht doch ein wenig, wirft aber zugleich ein bezeichnendes Licht auf die FAZ, die sich mit derlei Plattheiten zufriedenstellen lässt.
Besonders empört Brokoff, dass Handke vor zwei Jahren in das Dorf Velika Hoča reiste, „eine von Serben bewohnte Enklave innerhalb des Territoriums der 2008 ausgerufenen Republik Kosovo“, und darüber in seinem jüngsten Buch „Die Kuckucke von Velika Hoča“ berichtet. Kurz nach dessen Erscheinen konnte man in ebendieser Zeitung allerdings noch lesen: „Handkes neues Buch taugt nur dem zum Ärgernis, der partout eines daraus machen … will.“
Brokoff will. Wer nicht dem Mythos Srebrenica huldigt, der ist für ihn nicht nur ein Ärgernis, sondern „eine Gefahr“.
Ein stilles Buch über Trauer und Hoffnung in einem serbischen Dorf des Kosovos
Handke, der sich in seinen Büchern sonst gerne sehr drastisch und direkt politisch äußert, macht es seinen Kritikern in „Die Kuckucke von Velika Hoča“ alles andere als leicht. „Die Kuckucke von Velika Hoča“ sind ein sehr stilles Buch. Immer wieder spricht Trauer aus Handkes Sätzen, widerspiegeln sie die zwischen Hoffnungslosigkeit und einem Irgendwie-wird-es-weitergehen-Optimismus schwankende Stimmung der Menschen von Velika Hoča. Er erzählt vom Popen Milenko, der während der Bombenangriffe wahnsinnig wurde und heute wieder genesen ist, soweit ein Mensch von den Kriegserlebnissen genesen kann, davon, dass jeder zweite das Dorf seit dem Krieg verlassen hat, vom Dorfschuster, der ihm seine Schuhe reparieren und erst „im nächsten Jahr, zu Ostern, bei meinem nächsten Besuch in Velika Hoča“ wiedergeben möchte – „als eine Art Zukunftsversicherung, auch für die Enklave“.
Nur wenige Kilometer sind es bis zum albanischen Nachbardorf. Tatsächlich scheint es in unerreichbare Ferne gerückt. Serben wie Albaner gehen einander aus dem Weg, haben Angst. So macht sich Handke alleine auf den Weg. Die Schilderung seiner Wanderung klingt zugleich prosaisch wie deprimierend.
„Ungewiß, wo auf dem Weiterweg zwischen den zwei wenn auch nicht mehr deutlich verfeindeten, so doch einander wie endgültig aus dem Sinn geratenen Dörfern, nach dem Sportplatz mit dem im Strafraum grasrupfenden Kühen, und nach dem letzten Haus, wie bewohnt und beim Hinsehen unbewohnt, und dann noch einem, deutlich verfallenen – ungewiß, wo danach mitten im Land, mitten im da so besonders weiträumig erscheinenden Kosovo das Niemandsland begann. Jedenfalls war es nicht von einem Schritt zum andern, daß der einmal als Fahr- und Verbindungsweg angelegte Weg keinerlei Fahrspuren mehr zeigte.“
Immerhin, und das ist schon mehr, als vor noch nicht allzu langer Zeit zu hoffen war: Es herrscht Friede. „… der Friede hatte seinen Grund – er lag in der Luft und ebenso klar auf der Hand – er hatte (eine) Zukunft, wenn es für diese auch im Norden und Süden zwei sehr verschieden klingende Wörter gab, ‚budućnost‘ und ‚ardhme‘.“ Wobei: Noch ist der Friede eher eine vage Hoffnung als Wirklichkeit. „Es ist ruhig“, benennt eine Bäuerin die Situation sehr treffend.
Beruhigend sind die Verhältnisse allerdings noch lange nicht. Wo liegt die Zukunft der Serben von Velika Hoča? Was geschieht mit ihrem Grund und Boden, von dem ihre Existenz abhängt? Handke braucht wie die verbliebenen Einwohner von Velika Hoča keine Schlacht auf dem Amselfeld, um ihr Heimatrecht zu begründen. „Dieses Recht brauchte keine Legende und schon gar keinen Mythos. Das Recht auf das Land kam aus dem Jetzt und dem Hier. Und dieses Land mussten die Leute von Velika Hoča nun, mir nichts, dir nichts, als verloren ansehen?“
Statt mit Sex und Horror provoziert Handke mit Fragen nach Schuld und Unschuld
Auch in „Die Kuckucke von Velika Hoča“ stellt Handke wieder gerne und viele Fragen. Wer das Buch aufmerksam liest, wird viele Antworten zumindest ahnen. Es sind keine einfachen Antworten, aus wenigen Worten zu formulieren, die mir einfallen.
Im Gegensatz zu manchen anderen Kritikern räumt Brokoff ein, dass Handke in seinen Schriften „die von bosnischen Serben verübten Kriegsverbrechen keineswegs ausgeklammert“ hat. Aber er stelle viele Berichte infrage. Handke sieht sehr klar, dass Verbrechen von allen Seiten begangen wurden. Damit unterscheidet er sich vom Heer der Journalisten und anderen „Zeugen“, die selbst vor plumpen Fälschungen nicht zurückschrecken, um den barbarischen Serben die gutmütigen Kosovo-Albaner gegenüberstellen zu können. Vollends zynisch wird es, wenn Brokoff ihm in der FAZ eine antimuslimische Gesinnung vorwirft – immerhin gehört diese Zeitung zu den Medien, die nicht müde werden, das Schreckgespenst einer die christliche Zivilisation Europas bedrohenden islamischen Gefahr zu beschwören.
Mit seiner differenzierenden Betrachtungsweise geht von Handke allerdings tatsächlich „eine Gefahr aus[…]“. Er schaut hinter die Kulissen, hinterfragt, liebt die Details, versucht die Menschen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, in ihrem Stolz und in ihrer Not zu verstehen, verabscheut Vorverurteilungen, will den Krieg nicht als legitimes Mittel der Politik akzeptieren.
Als 1996 Handkes Reportage „Gerechtigkeit für Serbien“ zu wütenden Reaktionen der Kriegsbefürworter führte, kommentierte Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, es stehe nirgendwo geschrieben, dass ein Schriftsteller „harmlos“ oder „unproblematisch“ zu sein habe. Vielmehr wünschte er sich Schriftsteller als „Experimentatoren“ und „Forscher“, deren Anliegen „das Aufspüren nichtberuhigender, gefährlicher Substanzen“ sei.
Vielen Literaturkritikern und -freunden gilt das jedoch als unhygienisch. Natürlich dürfen oder sollen Autoren provozieren – aber bitte nach dem Vorbild von Charlotte Roche oder Helene Hegemann.


Juli 16th, 2010 at 17:06
Sehr treffend beschrieben, noch immer bedienen sich “Experten”, wie aúch Jürgen Brokoff, jener Propaganda-Stereotypen, die schon fälschlicherweise zum NATO-Krieg führten und mittlerweile auch als Unwahrheiten entlarvt wurden. Man ist sich nicht zu schade jenen Weg zu gehen der nun mehr als offensichtlich falsch war, um vielleicht das eigene Ego nicht über zu strapazieren. Die FAZ, die sich im Kosovo-Konflikt zum Organ der kriegstreibenden Politelite deklassierte, die sich auch nicht zu Schade war die Milosevic-Rede auf dem Kosovo falch zu übersetzen, da man nichts vernünftiges fand um Interventionen zu rechtfertigen, bietet auch heute noch viel Spielraum für Agitation und Verblendung, der Srebrenica-Mythos steht dabei ganz oben auf der Liste.