„Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ verhilft Lesern zum besseren Verstehen und Autoren zum besseren Schreiben
Auch wenn ich als Sachbuchautor wohl niemals die Chance haben werde, auch nur in die Gunst der Teilnahme zu gelangen, „wie man den Bachmannpreis gewinnt“, möchte ich trotzdem wissen. Angela Leinens gleichnamiges Buch verspricht die Antwort.
Seit 2004 besucht die Rechtsanwältin, Mediatorin und Journalistin Angela Leinen regelmäßig die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Während die Jury-Debatten zu anderen Literaturwettbewerben jedoch hinter verschlossenen Türen stattfinden, diskutiert die Jury in Klagenfurt öffentlich. Inzwischen können Lesungen wie Debatten sogar im Internet verfolgt werden.
Angela Leinen geht an ihre Betrachtungen nicht wissenschaftlich heran, sondern versteht sie als „Gebrauchsanleitung zum Lesen und Schreiben“.
Auch wenn es vordergründig um den Bachmannpreis geht, auf den die Tage der deutschsprachigen Literatur in der Öffentlichkeit meistens reduziert werden, ist ihr Buch weit mehr: Eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich „gute“ und „schlechte“ Texte erkennen und somit unterscheiden lassen. Für ihre Überlegungen greift sie vor allem auf Texte zurück, die in Klagenfurt vorgestellt wurden, sowie auf Diskussionsbeiträge der Jury-Mitglieder, aber auch manche andere Schriftsteller lässt sie zu Wort kommen.
Niemand solle ein Buch lesen, nur weil es ihm empfohlen wurde, fordert Angela Leinen ziemlich am Beginn des Buches. Geschmäcker seien nun einmal verschieden. Auch anerkannt meisterhaft erzählte Werke fesselten den einen Leser und vergrätzten den anderen. Trotzdem dürfe nicht alles auf eine reine Geschmachssache reduziert werden. Vielmehr gebe es „Fehler, die unnötig viele Leser verprellen, solche, die selbst gutwillige, interessierte Leser vor den Kopf stoßen.“
Natürlich dürfe jeder Autor trotzdem schreiben, was er wolle – nur sollte er dann „nicht beleidigt sein, wenn es niemand lesen will.“ Denn wie dem Autor das Recht zustehe, zu schreiben, wie er wolle, stehe umgekehrt dem Leser auch das Recht zu, ein Buch nicht zu lesen. Allerdings sei es vermessen, von Autoren zu verlangen, dass ihre Bücher grundsätzlich von allen Lesern verstanden werden müssten. Sie sollte jedoch „zumindest den gutwilligen Leser nicht verzweifeln lassen.“
An diesen Punkten stellen sich mir dann allerdings doch Fragen. Wie verhält es sich zum Beispiel mit Goethes „Faust“? Lässt „Der Tragödie zweiter Teil“ nicht selbst viele gutwillige Leser verzweifeln? Und wie steht es mit James Joyce’ „Ulysses“ und „Finnegans Wehg“ oder der Lautpoesie der Dadaisten? Hier stößt Angela Leinens „Gebrauchsanleitung zum Lesen und Schreiben“ an seine Grenzen.
Mut zum Risiko oder Schreiben für den Mainstream?
Von Formenspielereien hält sie nichts. Leser wollten nicht wissen, „wie rebellisch und erfinderisch der Autor mit Sprache umgehen kann“, sondern wünschten sich „interessante und originelle Geschichten“. Zustimmen kann man allerdings wieder ihrer Feststellung: Wolle man verstanden werden, empfehle es sich, „die Sprache so zu benutzen, wie man sie vorfindet“.
Umgekehrt heißt das: Wer mit Sprache experimentiert, muss immer einkalkulieren, mit seinen Texten nur eine Minderheit zu erreichen. Zu schreiben wie das Volk spricht garantiert allerdings auch noch keine Bestseller.
Ausführlich geht Angela Leinen auf die zahlreichen Fallstricke ein, über die Autoren bei der Wahl des Themas und seiner Ausgestaltung straucheln können. Themen fehlten nie, trotzdem wiederholten sich bestimmte Motive wie „siechende Mütter, danebengegangene Beziehungen, verlorene Väter, Paarkrisen im Urlaub“. Auch wenn diese Bücher die Erfahrungen von Autoren und Lesern wiederspiegelten, begännen sie häufig nach wenigen Seiten zu langweilen, weil die Leser ahnten, wie es weiterginge.
Man muss ihr nicht bei jedem Beispiel beipflichten. Warum sich Autoren beispielsweise nicht zum „Sprachrohr“ für die „Geknechteten und Missachteten dieser Welt“ machen sollen, weiß ich nicht. Das Risiko, sich in eine „Von-oben-herab-Perspektive“ zu begeben, gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen bei den meisten Themen. Mit dieser Argumentation ließe sich vermutlich nahezu jedes Thema als ungeeignet ablehnen, weil sich jedes Thema sowohl gelungen als auch weniger gelungen literarisch aufbereiten lässt.
Ebenso schwer kann ich nachvollziehen, warum es jungen Autoren nicht gelingen soll, sich in alte, kranke und behinderte Menschen hineinzufühlen. Nach dieser Logik müssten Autoren auch erst einen Mord begehen, um sich für den nächsten Krimi in einen Mörder hineinversetzen zu können, oder dürfen Frauen nur noch über Frauen und Männer über Männer schreiben. Nicht bestreiten lässt sich allerdings, dass es neben positiven auch viele negative Beispiele gibt.
Für alle ihre Behauptungen liefert Angela Leinen Beispiele aus Texten, die zum Wettbewerb um den Bachmannpreis eingeladen wurden. An manchen Stellen wünschte ich mir allerdings eine etwas straffere Darstellung. Mehr als einmal merkte ich, wie ich ihre Ausführungen zu überfliegen begann. Aber vielleicht lag es auch an dem mittleren Erzählton ihres Buches, der auf Dauer doch leicht ermüdet.
In den meisten Büchern wird viel nachgedacht und wenig gearbeitet
„Arbeit, gute ehrliche“, ist ein Abschnitt überschrieben, den ich besonders hervorheben möchte. Auch mich wundert seit langem, dass die Arbeitswelt, wie sie die Mehrzahl der Leser kennt, in der aktuellen deutschsprachigen Literatur keinerlei Rolle spielt. Die handelnden Personen sind Journalisten, Schriftsteller, Schauspieler, Texter in PR- und Werbeagenturen oder verdingen sich als Taxifahrer. Wenn die Journalisten und Schriftsteller wenigstens recherchieren und schreiben würden, die Schauspieler proben und schauspielern, die Werbefachleute texten und gestalten, doch meistens warten sie und grübeln, dass und ob etwas passieren oder auch nicht passieren werde.
Auch wenn der Titel des Buches das Gegenteil suggeriert, eine Anleitung „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ ist das Buch von Angela Leinen nicht. Sie räumt es gleich auf den ersten Seiten auch selber ein. Das im Titel „angedeutete Versprechen“ werde im Buch „nicht eingelöst“. Trotzdem lohnt sich seine Lektüre für Autoren wie Leser. Autoren erhalten viele Tips, um eines Tages vielleicht preisverdächtige Texte schreiben zu können, und Leser müssen sich hoffentlich nicht mehr mit der Aussage begnügen, Dieses Buch gefällt mir oder Dieses Buch gefällt mir nicht, sondern können zukünftig ein weil … hinzufügen.

August 13th, 2010 at 23:07
Sehr guter Beitrag! Du triffst ziemlich genau meine eigene Einschätzung des Buches. Danke für die Hinweise auf u.a. „Finnegans Wehg“ – ein gutes Beispiel dafür, dass ein Buch auch gleichzeitig großartig und eine Zumutung sein kann. Ebenso teile ich Deine Einschätzung, dass man als Autor sehr wohl Sprachrohr der Geknechteten sein darf/kann.
Danke für diesen kompakten, gut geschriebenen Bericht zu einem trotzdem interessanten Buch.