Missbrauch der Sprache durch die SED – oder die FAZ?
Wenn es gegen die Linken geht, ist der Welt alles recht. Jetzt hat es dem Springer-Blatt wieder einmal die Sprache angetan, konkret die Sprache der SED. Unter der Überschrift „Wie die SED die deutsche Sprache misshandelte“ wirft der Autor der SED vor, durch die Verwendung bestimmter Worte die deutsche Sprache missbraucht zu haben.
Zu den von der Welt missbilligten Worten gehören neben anderen auch Begriffe wie „konterrevolutionär“, „reaktionär“, „Reformismus“, „rückwärtsgewandt“, „arbeitsscheu“ und „asozial“. Der Beweis, warum ihre Verwendung in der DDR eine Mißhandlung der deutschen Sprache durch die SED darstellt, fällt der Welt mit ihrem einfach gestrickten Weltbild sehr leicht: Weil die SED mit ihnen ihre Politik begründete.
Doch blicken wir einfach mal in die Geschichte zurück und schauen uns die Herkunft einiger dieser Wörter an.
Das erste Mal dokumentiert verwendet wird der Gebrauch des Begriffes „Konterrevolution“ während der französischen Revolution von 1789. Als Konterrevolutionäre bezeichnet wurden damals die Anhänger der gestürzten Monarchie, die sich mit der Niederlage nicht abfinden wollten und deshalb für deren Wiedererrichtung kämpften. Als Welt-Autor muss man dies aber natürlich nicht wissen.
Den „Rückschrittsmann“ kannte der Brockhaus schon vor 100 Jahren
Ebenfalls im Umfeld der französischen Revolution entwickelte sich der Begriff „reaktionär“. Brockhaus’ „Kleines Konversations-Lexikon“ von 1906 erklärt ihn mit „den Rückschritt anstrebend“ und bezeichnet einen „Reaktionär“ deshalb auch als „Rückschrittsmann“. In anderen Nachschlagewerken wird „reaktionär“ auch mit „rückwärtsgewandt“ übersetzt.
Dass der SED vorgeworfen wird, sie habe mit dem Wort „rückwärtsgewandt“ operiert und sich damit an der deutschen Sprache vergangen, ist allerdings schon nahezu pikant, wird es doch von Politikern der CDU und FDP gerne verwendet.
So warnt die Staatsministerin Maria Böhmer vor „rückwärtsgewandter“ Kritik am Einbürgerungsrecht und sieht die stellvertretende Chefin der FDP-Bundestagsfraktion Miriam Gruß die Zukunftschancen der Jugend durch eine „rückwärtsgewandte“ Bildungspolitik gefährdet. Die ehemalige Familienministerin Ursula Lehr wiederum weist jeden Verdacht zurück, ihre Partei sei „rückwärtsgewandt“, während Christian Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident der SPD-Opposition vorwarf, ihre Forderungen seien „rückwärtsgewandt“.
Sind diese Politiker nun alle verkappte Kommunisten oder missbrauchen sie einfach nur die deutsche Sprache?
Oder was ist mit den „arbeitsunwilligen“ Hartz-IV-Empfängern, denen nach Meinung von CDU und FDP die Sozialleistungen gekürzt werden müssen? Nach der Logik des Welt-Autors stellt die Bezeichnung von Menschen als „arbeitsunwillig“ natürlich keinen Mißbrauch der Sprache dar. Missbilligt wird nur die Benennung als „arbeitsscheu“. Dass es sich hier um Synonyme handelt, fällt bei der Welt offenbar niemandem auf.
Den Begriff „asozial“ verwendet die Welt sogar selbst in ihren Berichten, so wenn sie es als „asozial“ bezeichnet, wie wenig Geld viele kleinere Theater bekommen, „Biokonsumenten“ für „ziemlich asozial“ erklärt werden oder gefragt wird: „Wie asozial ist mein [Stadt]Viertel?“ Nicht seine Verwendung scheint also schlimm zu sein, sondern nur die Verwendung durch die Falschen. Und das sind für die Welt eben nun einmal die Linken.
Vielleicht befasst sich die Welt irgendwann auch einmal mit der bundesdeutschen Sprache und besonders der Sprache der Politiker und Medien. Dann könnte sie gleich fortfahren mit Begriffen wie zum Beispiel „Minuswachstum“, „Sparpaket“, „Mindereinnahmen“, „Preisanpassung“, „Militärschlag“, „kriegsähnlich“, „Arbeitnehmer“ und „Arbeitgeber“ – Wörter, die vor allem gebraucht werden, um sprachlichen und gedanklichen Nebel zu verbreiten.
Mit Wortneuschöpfungen wird die Wahrheit geschönt
Natürlich könnten Politiker und Journalisten auch von einer „nachlassenden“ Wirtschaftskraft oder „sinkenden“ Löhnen und Gehältern sprechen bzw. schreiben. Aber das klänge viel brutaler und längst nicht so harmlos wie „Minuswachstum“. Verharmlost wird ebenfalls mit den „Mindereinnahmen“. Warum heißt es nicht ganz ehrlich, dass die Einnahmen sinken? Oder warum werden Preise und Sozialleistungen „angepasst“, wenn damit doch immer nur eines, wenn auch Gegensätzliches gemeint ist: Steigende Preise und sinkende Ausgaben für Sozialleistungen.
Ein Kuriosum sind die „Sparpakete“. Als Kind habe ich mich immer über die viel zu seltenen Pakete der Onkel und Tanten gefreut. Die „Sparpakete“ dagegen bergen keine kleinen und großen Geschenke, weder für mich noch für die meisten anderen Menschen. Aber vielleicht sind mit Sparpaketen auch die Milliardenpakete gemeint, die von den regierenden Politikern für die Banken geschnürt wurden und für deren Inhalt die Bevölkerungsmehrheit nun sparen soll.
Längst in die Alltagssprache eingeflossen sind Bezeichnungen wie „Arbeitnehmer“ und „Arbeitgeber“, obwohl sie die tatsächlichen Verhältnisse sprachlich umkehren. So müssen die Arbeitnehmer ein schlechtes Gewissen haben, weil sie den Arbeitgeberm etwas wegnehmen, während die Arbeitgeber sich stolz fühlen dürfen, weil sie an diese sogar noch etwas weggeben.
Natürlich führte bzw. führt Deutschland in Jugoslawien und Afghanistan auch keinen Krieg, sondern verteidigt nur mit „Militärschlägen“ die „Freiheit“.
Oder schauen wir uns die zahllosen Anglizismen an, mit denen uns nicht nur die Werbefachleute, sondern ebenso Journalisten und Politiker jeden Tag beglücken: „Meeting“, „Location“, „Service Point“, „Skyline“, „abchecken“, „Shopping“, „Beauty farm“, „Wellness“, „Coffee to go“, „Community“, „Cover“, „Second-hand“, „Shuttle service“, „Sightseeing“. Warum stellt die Verwendung von immer mehr Anglizismen keine Misshandlung der deutschen Sprache dar?
Mit Sicherheit wäre es ein interessantes Thema, sich den Zusammenhang von Sprache und Politik – oder allgemeiner von Sprache und Gesellschaft – anzuschauen. Die FAZ hat diese Chance allerdings vertan, weil ihr Antikommunismus sie blind macht.

August 13th, 2010 at 23:11
Mir ist nicht ganz klar geworden, was jetzt genau die WELT und was die FAZ gemacht hat… Wie muss man das verstehen?
August 16th, 2010 at 20:23
In der DDR gab es tendenziöse Verwendung von Sprache natürlich nicht. Der Antikapitalistische Schutzwall schützte schließlich die DDR tatsächlich davor, dass ihr die Bürger flitzten. Der Staatsicherheitsdienst (liebevoll »Stasi« genannt) erhöhte die Sicherheit des Staates ungemein. Äußerst human waren auch so schöne Wortschöpfungen wie Wohnberechtigungsschein (WBS): Ja, die DDR gestand ihren Bürgern tatsächlich das Recht zu, irgendwo zu wohnen. Natürlich vorausgesetzt, die Noten in Politischer »Bildung« ließen nicht irgendwie zu wünschen übrig. Da kann ich nur, als bekennender Fan von Anglizismen, in ihrer Eigenschaft als natürliche Weiterentwicklung der Sprache, sagen: Thumb up!
August 23rd, 2010 at 22:46
Ich ahnte es doch seit langem: Konrad Adenauer war ein Agent der DDR. Oder wie erklärt sich sonst, dass der zweite deutsche Bundestag das 2. Wohnungsbaugesetz verabschieden konnte, in dem in Paragraph 5 für den Bezug einer öffentlich geförderten Wohnung die Vorlage einer »Bescheinigung über die Wohnberechtigung (Wohnberechtigungsschein)« vorgeschrieben wurde?