Theodor Fontane: Nein, bitte nicht – oder doch? (Teil 3)
Lange habe ich gebraucht, bis ich mich mit der Sprache Fontanes in „Irrungen, Wirrungen“ anfreunden konnte. Erst langsam musste ich mich an seinen episch breiten Schreibstil gewöhnen, seine nahezu unerschöpfliche Freude am Detail. Doch je mehr ich mich auf seine Sprache eingelassen habe, desto mehr erschloss sich mir ihre Schönheit.
In wenigen, oft aber sehr langen Sätzen, lässt Fontane Landschaften und Situationen vor dem Auge des Lesers lebendig werden. Gleich der erste Satz von „Irrungen, Wirrungen“ hat es bereits in sich: „An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem ‚Zoologischen‘, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurück gelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte.“ Genau 54 Wörter zählt dieser Einleitungssatz.
Glaubte man den meisten Schreibratgebern, wären solche Bandwurmsätze ein Tabu, und das umso mehr, wenn sie gleich am Beginn eines Buches stehen. Gerne wird den betreffenden Autoren eine mangelhafte Beherrschung des Handwerks vorgeworfen.
Dass tatsächlich viele Menschen lange Sätze nur mit Mühen verstehen können, dürfte zu Fontanes Zeiten nicht wesentlich anders gewesen sein. Als sehr leicht verständlich gelten Sätze mit bis zu 13 Worten. Für jeden zweiten Erwachsenen ist da bereits Schluss mit dem Verstehen. Sätze mit 25 und mehr Wörtern gelten als „schwer verständlich“, mit mehr als 30 Worten sogar als „sehr schwer verständlich“.
Der Schrecken der Schreib- und Deutschlehrer: Fontanes Bandwurm- und Schachtelsätze
Viele Leser tun sich deshalb nicht nur mit „Irrungen, Wirrungen“, sondern den meisten Romanen Fontanes schwer. Kurze Sätze sind rar, lange dagegen sehr zahlreich. Völlig unberücksichtigt bleiben hier zudem noch die Wortwahl und der Satzbau.
Auf weit mehr als die doppelte Wortzahl des Einleitungssatzes – oder genauer auf 131 Worte – kommt Fontane, als er das bedrückende Ende von Bothos und Lenes Ausflug nach Hankels Ablage erzählt: „Eine Stunde später waren sie, ziemlich herabgestimmt, auf dem trübselig erleuchteten Görlitzer Bahnhof eingetroffen, und hier, beim Aussteigen, hatte Lene sofort und mit einer Art Dringlichkeit gebeten, sie den Weg durch die Stadt hin allein machen zu lassen, ‚sie seien ermüdet und abgespannt und das tue nicht gut‘, Botho aber war von dem, was er als schuldige Rücksicht und Kavalierspflicht ansah, nicht abzubringen gewesen, und so hatten sie denn in einer klapprigen alten Droschke die lange, lange Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht, immer bemüht, ein Gespräch über die Partie, und ‚wie hübsch sie gewesen sei‘, zustande zu bringen – eine schreckliche Zwangsunterhaltung, bei der Botho nur zu sehr gefühlt hatte, wie richtig Lenens Empfindung gewesen war, als sie von dieser Begleitung in beinahe beschwörendem Tone nichts hatte wissen wollen.“
Es sind ganze Bilderfolgen, die Fontane in solchen Sätzen entstehen lässt. Doch gerade diese Sätze führen dazu, dass sich seine Romane häufig so schwer lesen lassen.
Gerne verbindet er zudem Sätze, die auch jeder für sich stehen könnten, durch ein „und“. „Und nun vergiß nicht, die Jalousien herunterzulassen. Und wenn wer kommt und nach mir fragt, bis zwölf bin ich in der Kaserne, nach eins bei Hiller und am Abend bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf, daß ich nicht wieder einen Brütofen vorfinde. Und laß die Lampe vorn brennen“, lässt er zum Beispiel Botho seinen Diener instruieren.
Einem Verleger, der ihm die vielen „und“ herausstreichen wollte, erklärte Fontane: „[…] aber meine ‚unds‘, wo sie massenhaft auftreten, müssen Sie mir lassen. […] Ich bilde mir nämlich ein, unter uns gesagt, ein Stilist zu sein, nicht einer von den unerträglichen Glattschreibern, die für alles nur einen Ton und eine Form haben, sondern ein wirklicher. […] Und so kommt es, daß ich Sätze schreibe, die vierzehn Zeilen lang sind, und dann wieder andere, die noch lange nicht vierzehn Silben, oft nur vierzehn Buchstaben aufweisen.“
Im weiteren erläutert Fontane auch gleich seine Verwendung des „und“: „Je moderner, desto undloser, je schlichter, je mehr sancta simplicitas [Heilige Einfalt, HWP], desto mehr ‚und‘.“
Dass gerade Botho viele Sätze mit „und“ einleitet, ist deshalb kein Zufall. Je mehr er sich seinen Gesprächspartnern überlegen fühlt, desto häufiger beginnen seine Sätze mit „und“. Doch man sollte nicht verkennen, dass Fontane das „und“ ganz unabhängig davon sehr geliebt zu haben scheint. Selbst ein neues Kapitel, das vierte, beginnt er mit dieser Konjunktion: „Und nun war der andre Abend da, zu dem Baron Botho sich angemeldet hatte.“ Generell nutzt er die und-Konjunktion gerne, um die Handlung voranzutreiben.
Lebendige Dialoge treiben die Handlung voran
Besonders auffällig sind die vielen Dialoge. Gehen manche nur über wenige Zeilen, ziehen sich andere über mehrere Seiten hin. Häufig erfährt der Leser Handlungen aus Dialogen. Auch das Maleur, das Lene und Botho zueinander führt, erfährt der Leser nicht, indem Fontane es ihn unmittelbar miterleben lässt, sondern vielmehr aus Lenes Bericht an Frau Dörr.
Meisterhaft versteht es Fontane, mit den Dialogen die Personen zu charakterisieren und Atmosphäre entstehen zu lassen. Dabei nimmt er in seiner Sprache überraschend wenig Rücksicht auf die Herkunft seiner Protagonisten. Ob Botho, Lene, Käthe oder Gideon – Fontane reduziert die sprachliche Individualität auf das literarisch Unumgängliche.
Lenes Mutter ist für Botho auch mal „Mutterchen“, wobei in diesen Momenten ein leicht herablassender Ton nicht zu überhören ist. Sehr resolut redet sein Onkel, Baron Osten, auf Botho ein. Sonst so beredte wird er von ihm immer wieder ausgebremst. Besonders krass gestaltet Fontane den Sprachunterschied zwischen Lene und Käthe. Lene zeichnet sich durch – wie Botho formuliert – „Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit“ aus, Käthe dagegen beherrscht „mit einer wahren Meisterschaft“ die „Kunst des gefälligen Nichtssagens“.
Sehr gerne arbeitet Fontane mit Auslassungszeichen, die mehreres anzeigen können: Sie deuten Themenwechsel an, sie beschleunigen Handlungen, sie deuten Handlungen nur an. So deutet Fontane an, dass es zwischen Lene und Botho auch sexuelle Kontakte gibt, wenn Frau Dörr übermütig Lene fragt: „Adebar, du guter, bring mir … Oder soll ich lieber singen: Adebar, du bester?“ Und im Abschiedsbrief an Lene bekennt Botho: „Ich hatte Briefe von Haus, die mich zwingen; es muß sein, und weil es sein muß, so sei es schnell … Ach, ich wollte, diese Tage lägen hinter uns. Ich sage Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz ist … Es war eine kurze schöne Zeit, und ich werde nichts davon vergessen.“
Stolz auf seine französischen Wurzeln lassen Fontane viele Gallizismen einstreuen
Gerne mischt Fontane französische Begriffe in seine Texte. So finden sich in „Irrungen, Wirrungen“ Gallizismen wie Etablissement, Couvert, Billet, apart, Affront, Mesalliance, Equipage, Garçon, Remise, genierlich oder Trottoir, die auch heute noch nicht völlig unbekannt sind. Andere, wie Tabagie, Fauteuil, Kamisol, Bataille, Defilée, Cortège, Kürassier, chevaleresk, Table d’hote, en famille oder Tournure, dürften dagegen überwiegend nur noch jene verstehen, die des Französischen mächtig sind. Der von Fontane gerne benutzte Begriff Toilette wiederum hat einen dramatischen Bedeutungswandel durchlebt. Längst ist er auf das WC reduziert, während Fontane ihn noch durchgängig für festliche Kleidung verwendete.
Fontane, dessen Urururgroßvater väterlicherseits im 17. Jahrhundert als Hugenotte aus Nîmes und dessen Urururgroßvater mütterlicherseits im gleichen Jahrhundert aus Le Vigan in die deutschen Länder geflüchtet waren, fühlte sich immer als „Märker, aber noch mehr Gascogner“. Das mit der Gascogne stimmt zwar nicht, handelt es sich doch tatsächlich um das Languedoc, doch an seinen französischen Wurzeln ändert das nichts.
Auf sie war Fontane zeitlebens stolz. Seinen Namen sprach er deshalb französisch mit der Betonung auf der ersten Silbe und nasaler zweiter Silbe aus. In einem Brief an seine Tochter Martha charakterisierte er sich selbst: „[…] ich bin – auch darin meine französische Abstammung verrathend – im Sprechen wie im Schreiben, ein Causeur, aber weil ich vor allen ein Künstler bin, weiß ich genau, wo die geistreiche Causerie hingehört und wo nicht“. Ins unser heutiges Deutsch übersetzt heißt das: Er war ein Plauderer, und das im besten Sinne des Wortes. Den heute mitklingenden leicht negativen Unterton erhielt das Plaudern erst nach Fontane.
Dass Fontane gerne auf französische Worte zurückgriff, ist allerdings nicht nur diesem Stolz, sondern ebenso dem Zeitgeist geschuldet. Seit dem 17. Jahrhundert hatte sich an den deutschen Fürstenhöfen zunehmend das Französische als Hofsprache durchgesetzt. Mit der massenhaften Zuwanderung aus Frankreich vertriebener Hugenotten nach Berlin und in die Mark Brandenburg drangen französische Begriffe zudem auch in die Sprache der niederen Stände ein. Weiter verstärkt wurde diese Entwicklung, als 1806 Napoleons Truppen Berlin für sieben Jahre besetzten.
Noch vor wenigen Wochen habe ich gedacht, dass mich das alles nicht interessieren könnte. Theodor Fontane schien mir ein Schriftsteller zu sein, dessen Werk vor allem überdauert hat, um ganze Generationen von Schülern zu ärgern. Wäre nicht die ganz am Anfang im ersten Teil genannte Hausarbeit gewesen, hätte ich mich vermutlich auch die nächsten Jahre nicht für ihn interessiert. Die während der Beschäftigung mit „Irrungen, Wirrungen“ gelesenen Arbeitsbögen lassen allerdings befürchten, dass die Schule unverändert alles unternehmen wird, kein Interesse für Fontanes Werk aufkommen zu lassen.
Ursprünglich sollten sich meine Betrachtungen zu Theodor Fontane auf „Irrungen, Wirrungen“ beschränken. Doch je intensiver ich mich mit Fontane beschäftigte, desto neugieriger wurde ich auch auf sein Spätwerk „Der Stechlin“. Es geht hier also in den nächsten Wochen weiter mit Fontane.

