Theodor Fontane: Nein, bitte nicht – oder doch? (Teil 4)
„Ich stecke so drin im Abschluß eines großen, noch dazu politischen (!!) und natürlich märkischen Romans, daß ich gar keine andern Gedanken habe und gegen alles andre auch gleichgültig bin“, schrieb Theodor Fontane im Mai 1897 an Ernst Heilborn, der ihn um einen Beitrag für seine Halbmonatsschrift „Das literarische Echo“ gebeten hatte. Dieser politische Roman war „Der Stechlin“.
Nicht einmal ein Jahr brauchte Fontane, um ihn niederzuschreiben. Anfang 1895 hatte er die Arbeit aufgenommen und bereits Ende desselben Jahres die Rohfassung fertig. Daran schlossen sich allerdings noch mehrere Monate der Überarbeitung an. Aber im Oktober 1897 war es dann wirklich soweit: Die illustrierte Halbmonatszeitschrift „Über Land und Meer“ konnte mit dem Vorabdruck beginnen. Für die Veröffentlichung im Verlag seines Sohnes Friedrich nahm Fontane dann allerdings nochmals Korrekturen vor.
Den Druck des Buches erlebte Fontane noch, jedoch nicht mehr die Auslieferung an den Buchhandel. Am 20. September 1898 starb er 78-jährig in Berlin.
Ginge es nach den Autoren moderner Schreibratgeber, hätte ein Roman wie „Der Stechlin“ noch mehr zum Misserfolg verdammt sein müssen als „Irrungen, Wirrungen“ und seinem Autor niemals zur endgültigen Anerkennung als Schriftsteller von Weltrang verhelfen dürfen. Ein Roman wie „Der Stechlin“ dürfte danach überhaupt nicht funktionieren, weil ihm das Wichtigste fehlt: der positive Held und sein Gegenspieler. Auf beide hat Fontane in seinem Spätwerk verzichtet. Er selbst meinte über den Stechlin: Er brauche keine Handlung, denn das Thema sei bereits Handlung genug.
Was sich in „Irrungen, Wirrungen“ erst andeutete, gedieh in Fontanes Spätwerk „Der Stechlin“ zur Vollendung: Es gibt keine klassischen Protagonsten mehr. Hier streiten nicht mehr das Gute gegen das Schlechte, sondern hier werden gesellschaftliche Verhältnisse auseinandergenommen.
Fontane selbst fasste den Inhalt des Romans in einem Satz zusammen: „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht“. Alles das, was sonst Romane ausmachten, fehlte dagegen: „Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts“. Alles sei nur „Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben und mit ihnen die Geschichte.“
Dass diese Art, einen „Zeitroman zu schreiben“, bei den Lesern keineswegs nur auf Begeisterung stoßen würde, wusste Fontane. Ihm sei bewusst, schrieb er, „daß das große Publikum sehr anders darüber denkt und die Redaktionen – durch das Publikum gezwungen – auch.“
Im Stechlin wird viel geredet und wenig gehandelt
Schon in „Irrungen, Wirrungen“ wurde viel geredet, in „Der Stechlin“ aber übernehmen die Dialoge endgültig die Vorherrschaft. In ihm wird so viel geredet und so wenig gehandelt wie in nur wenigen anderen Romanen der Weltliteratur.
Auf eine von Konflikten vorangetreibene Handlung hat Fontane aber nicht zufällig verzichtet oder weil ihm eine zündende Idee fehlte – die Handlungsarmut steht vielmehr symbolhaft für den handlungsunfähig gewordenen Adel in seiner Gesamtheit. Dem Adel sind schlichtweg die Helden ausgegangen, die sich noch in Konflikten bewähren könnten. Nicht seine Entscheidungen, sondern seine Tatenlosigkeit verurteilen ihn als gesellschaftliche Klasse zum Untergang.
An die Stelle der Handlung konnten deshalb nur die Reflexion und das Gespräch treten. Selbst Woldemars Aufenthalt in England und seine Hochzeitsreise mit Armgard erlebt der Leser nicht als Handlung, sondern nur aus Gesprächen und Briefen.
Fontane bezeichnete den Stechlin in einem Brief an Carl Robert Lessing selbst als „einen politischen Roman“. Und er nannte gleich sein Thema: Die „Gegenüberstellung von Adel, wie er bei uns sein sollte, und wie er ist.“ Ein Jahr darauf hob er in einem Brief an Ernst Heilborn dieses Politische sogar noch durch zwei Ausrufezeichen hervor.
Das stößt manchen Literaturkritikern und -wissenschaftlern bis heute bitter auf. Fontane, behaupten sie, habe mit dem Stechlin alles andere als einen politischen Roman geschrieben. Zur Stützung ihrer Behauptung bedienen sie sich in der Regel eines plumpen Kunstgriffs: Sie reduzieren Politik auf die Propagierung parteipolitischer Programme oder Thesen.
Die literarische Größe Fontanes liegt jedoch auch darin, dass er dieses Rückgriffs nicht bedurfte. An die Stelle parteipolitischer Programme und Thesen setzte er vielmehr die genaue Beobachtung der gesellschaftlichen Verhältnisse kurz vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. So musster den Niedergang des Adels auch nicht behaupten, sondern konnte ihn dem Leser mit den Stechlins und den Barbys plastisch vor Augen führen.
Mit Dubslav von Stechlin stirbt mehr als nur der Protagonist des Romans
Mit Dubslav von Stechlin stirbt nicht einfach nur ein Protagonist des Romans, sondern zugleich ein Vertreter des Adels, wie er einmal war. Sein Tod steht symbolisch für den Untergang des Adels als gesellschaftliche Klasse. Von der alten Pracht des Schlosses Stechlin ist nichts mehr geblieben, die prunkvollen Festlichkeiten liegen lange zurück. Nur die Hilfe seines alten Freundes Hirschfeld, einem jüdischen Tuchladenbesitzer, lässt ihn noch halbwegs sorgenfrei überleben.
Obwohl das Adelsgeschlecht der Stechlins auf eine lange Geschichte zurückblickt, ahnt Dubslav von Stechlin, dass nicht nur sein Geschlecht, sondern die gesamte aristokratische Welt abgewirtschaft haben und sich eine neue, demokratische Welt ankündigt: Diese Aussicht habe „manches für sich, trotzdem es mir nicht recht paßt.“ So muss er auch erst überredet werden, sich als konservativer Kandidat zur Wahl für den Reichstag aufstellen zu lassen. Als er tatsächlich dem sozialdemokratischen Kandidaten unterliegt, erschüttert ihn seine Niederlage nicht.
Ein weniger begnadeter Schriftsteller hätte aus dem Stechlin vermutlich einen Familienroman gestrickt: Hier der dem Neuen zwar nicht völlig abgeneigte, das Neue aber auch nicht befördernde Dubslav, dort sein dem Neuen aufgeschlossener, das Alte aber nicht völlig zurückweisender Sohn Woldemar.
Fontane jedoch hatte keinen Familienroman, sondern einen politischen Roman im Kopf. Woldemar verharrt wie sein Vater im Alten. Obwohl es anfangs scheint, als könnte sich Woldemar auch für Melusine entscheiden, überrascht seine Entscheidung für Armgard nicht. Im Gegensatz zu seinem Vater fehlt ihm jede Leidenschaft. Weder als Offizier noch in der Liebe lässt Woldemar Leidenschaft erkennen. „Liebe ist doch schließlich immer was Forsches, sonst kann sie sich ganz und gar begraben lassen, und da möcht ich denn doch etwas von dir hören, was ein bißchen wie Leidenschaft aussieht“, bringt der alte Stechlin seine Kritik an Woldemar auf den Punkt.
Man tut Fontane wohl nicht unrecht, wenn die blasse Armgard als Symbol für den blass gewordenen Adel verstanden wird. Weder Woldemar noch Armgard kennen über den Alltag hinausgehende Visionen oder gar Leidenschaft. Anders Dubslav und die aufmüpfige Melusine. Melusine ist eine temperamentvolle, selbstbewusste Frau, die sich ihre eigenen Gedanken über das Leben macht. Auf Männer wirkt sie gleichermaßen anziehend wie geheimnisvoll. Lägen keine Jahrzehnte Altersunterschied zwischen ihnen, könnten sich der alte Stechlin und Melusine füreinander erwärmen.
Keine Angst vor gesellschaftlichen Umwälzungen
„Ich respektiere das Gegebene“, lässt Fontane Melusine zu Pastor Lorenzen sagen, um sogleich fortzuführen: „Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.“
Lorenzen weiß sich mit Melusine auf einer Wellenlänge, wenn er ihr versichert, dass „Ihre Ideale, wie Sie wissen, auch die meinigen sind.“ Oder: „Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin, daß die Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen. Früher war man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber; jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein.“ „Und beinah auch umgekehrt“, ergänzt Melusine – ein Gedanke, der ihr jedoch keinen Schrecken einjagt, sondern selbstverständlich zu sein scheint, genauso wie Fontane selbst.
Vollständig im Alten verharrt Adelheid von Stechlin, zehn Jahre ältere Schwester von Dubslav und Domina des Klostergutes Wutz, in das schon lange keine neuen Nonnen mehr eintreten. Melusine charakterisiert Adelheid als „zurückgeblieben, vorweltlich“. Sie hege „Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streift.“
Als Gegenspieler von Dubslav erweist sich Mühlenbesitzer Gundermann, ein Bourgeois, der dem Adel nacheifert und nicht merkt, wie dieser sich im Abstieg befindet. So intrigiert er gegen den alten Stechlin, weil er es nicht wagt, sich öffentlich gegen Dubslav aufzulehnen, aber doch liebendgerne statt seiner in den Reichstag einziehen möchte.
Während Lorenzen zutiefst gläubig ist, wird dies bei Superintendent Koseleger schon nicht mehr so deutlich. Für Koseleger ist die Religion vor allem ein Vehikel, um Karriere zu machen. Mehr als die Nähe zu Gott interessiert ihn ein „Klingelschild mit der Aufschrift ‚Dr. Koseleger, Generalsuperintendent‘“.
Eine andere Form der Gläubigkeit vertritt Prinzessin Ermyntrud. Sie sucht und findet in der Religion einen Ersatz für ihren Verzicht auf ein adeliges Leben, das sie, eine Prinzessin, durch ihre Heirat mit dem Oberförster Katzler aufgegeben hat. Ermyntruds Kinder sterben und ob Armgard Kinder haben wird, lässt Fontane offen. Nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch biologisch scheint der Adel dem Untergang geweiht zu sein.
Nur konsequent ist es, dass Fontane keinen Adligen oder Bürger, sondern Agnes dem in der Nacht gestorbenen Dubslav von Stechlin am Morgen Blumen auf den Schoß legen lässt. Agnes ist nicht nur die Tochter einer Plätterin und damit Angehörige des vierten Standes, sondern wurde auch noch unehelich geboren, was Ende des 19. Jahrhunderts für die meisten Menschen noch eine große Schande war.
Fontane bezeichnete sich selbst als einen Schriftsteller, der „seinen Stil aus der Sache nimmt, die er behandelt“. Um seine Sprache in „Der Stechlin“ wird es im letzten Beitrag gehen.

