Alexander A. Bogdanows „Der rote Planet“: eine sozialistische Utopie als gesellschaftlicher Gegenentwurf (Teil 2)
Die „Kinderstadt“, über die der Ich-Erzähler in Alexander A. Bogdanows „Der rote Planet“ berichtet, gehört mit ihren „Bächen, Teichen, Spiel- und Sportplätzen, Blumen- und Kräuterbeeten, Freigehegen und Tierhäusern“ zu den schönsten Stadtteilen.
Es sind „große einstöckige Häuser“, in denen die Kinder leben, manche zusammen mit ihren Eltern, andere von ihren Eltern getrennt, manche in Gemeinschaftszimmern, andere in Einzelzimmern. Die meiste Zeit verbringen die Kinder der unterschiedlichen Altersgruppen gemeinsam, denn die Marsianer setzen sehr stark auf die Gemeinschaft und den gegenseitigen Austausch, wie Nella, Leiterin eines dieser Häuser, dem Ich-Erzähler erklärt.
Wenn wir die älteren von den jüngeren Kindern isolierten, würden wir ein einseitiges und enges Milieu schaffen, und die Entwicklung des Kindes verliefe langsam, träge und eintönig. Kinder verschiedenen Alters können untereinander am besten aktiv werden.
Was heute von manchen Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern als wichtige neue Erkenntnis gepriesen wird, wurde tatsächlich bereits vor über achtzig Jahren diskutiert und zum Beispiel von Alexander A. Bogdanow in seinem Roman „Der rote Planet“ thematisiert.
Am Beispiel der Kinder zeigt Bogdanow aber auch, dass die Macht der Vergangenheit keineswegs so leicht zu überwinden ist, wie manche Optimisten meinen. Immer wieder schlage das Bedürfnis nach Privateigentum durch und führe manchmal sogar zu Schlägereien. Doch dagegen könne man nichts machen.
Die Ontogenese wiederhole die Phylogenese, erläutert Nella, und die Entwicklung des Individuums wiederhole auf gleiche Weise die Entwicklung der Gesellschaft. Erst wenn die Kinder zu Jugendlichen herangewachsen seien, besiege die soziale Umwelt der Gegenwart endgültig die Überreste der Vergangenheit.
Gewaltfreiheit als eine Illusion
Mit Illusionen räumt Bogdanow auch an anderer Stelle auf. Mit dem Aufbau des Sozialismus hört das Leiden der Menschen keineswegs schlagartig auf. Nicht nur Kapitalismus fordert seine Opfer, sondern auch der Aufbau der neuen Gesellschaft. Ein grandioses Kanalbauprojekt auf dem Mars kostete Tausenden marsianischen Arbeitern das Leben. Ein versuchter Aufstand gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen wurde blutig niedergeschlagen.
Selbst das tagtägliche Leben auf dem Mars läuft noch nicht gewaltfrei ab, wie der Ich-Erzähler zum ersten Mal in der Kinderstadt und ein weiteres Mal im Krankenhaus erfährt. Wo es unvermeidlich sei, müsse auch Gewalt angewandt werden, verteidigt Netti die Marsianer.
Der Hauptunterschied liegt gar nicht darin, dass es auf der Erde viel Gewalt und Zwang gibt, auf dem Mars wenig. Vielmehr geht es darum, dass bei Ihnen Gewalt und Zwang in Gesetze gekleidet werden, in äußere und innere Gesetze, in Rechtsnormen und moralische Regeln, die über dem Menschen stehen und ständig auf ihm lasten. Bei uns gibt es Gewalt entweder als Erscheinung einer Krankheit oder als vernünftiges Vorgehen eines vernünftigen Wesens.
Die Freiheit von Kindern und Geisteskranken müsse eingeschränkt werden können. Die Regeln dafür sind allerdings rein wissenschaftlicher Natur, aber nicht gesetzlich geregelt. Trotzdem gebe es keine Willkür.
Was bedeutet das Wort Willkür? Wenn es unnötige, überflüssige Gewalt bedeutet, ist sie nur seitens eines kranken Menschen möglich, der selber einer Behandlung bedarf. Ein vernünftiger und bewusst handelnder Mensch ist dazu natürlich unfähig.
Mit aller Kraft versucht der Ich-Erzähler, alles zu verstehen, was er auf dem Mars hört oder liest – und merkt doch, dass er vieles nur mechanisch aufnehmen kann, ohne in das Wesen einzudringen. So ist es kein Wunder, dass ihm die Arbeit bald keinen Spaß mehr macht und er immer häufiger gedanklich in die Vergangenheit abschweift. Schließlich sieht er Gespenster, Menschen, die ihn einst auf der Erde begleiteten, seine kurzzeitige Ehefrau, seinen schon als Kind gestorbenen Bruder, einen ihn wegen seiner sozialistischen Gesinnung beobachtenden Spitzel.
Keine günstige Zeit für eine interplanetare Liebe
Natürlich kommt in dem Roman auch die Liebe nicht zu kurz. Die Ehe mit Anna Nikolajewna, noch auf der Erde, war nur von kurzer Dauer gewesen. Selbstverständlich verliebt der Ich-Erzähler sich auf dem roten Planeten in eine Marsianerin und genauso selbstverständlich wird seine Liebe erwidert.
Doch schon naht die Trennung. Eine Expedition auf die Venus steht bevor.
Was anfangs wie ein Routineunternehmen aussieht, stellt sich jedoch schnell als ein einzigartiger Auftrag heraus: die Kolonisation eines ganzen Planeten. Es lässt sich nicht mehr verschweigen: Das ungehemmte Wachstum hat auch seine Schattenseiten. Die Resourcen auf dem Mars werden immer knapper. Den Marsianern bleiben nur noch wenige Jahrzehnte, um neue Resourcen zu erschließen und ihr Überleben zu sichern.
Auch wenn die Venus Ziel der Expedition ist, dem ich-Erzähler wird bald bewusst, dass der Erde oder genauer den Menschen auf der Erde Schlimmes droht: ein ungeheurer Massenmord. So verschieden die Marsianer auch von den Menschen sind und so sehr sich die Motive ihres Handelns von denen der Menschen unterscheiden: Töten ist auch für die Marsianer ein legitimer Weg zur Durchsetzung ihrer Interessen.
Sterni, „ein Mann mit kühlem und vor allem analytischem Verstand“, dem jedoch die „Stimmungen und Gedanken anderer Menschen“ fremd sind, kennt keinerlei Skrupel und fordert zur Zukunftssicherung der Marsmenschendie Ausrottung der Erdenmenschen. Selbst dass es auf der Erde Sozialisten wie auf dem Mars gibt, erschüttert ihn nicht.
Ich spreche vom Ausmerzen der gesamten Menschheit, weil wir selbst für ihre sozialistische Avantgarde keine Ausnahme machen können.
Ein Mord beendet abrupt den Aufenthalt des Ich-Erzählers auf dem Mars.
In einer Nervenheilanstalt kommt Leonid wieder zu sich. Hat er tatsächlich einen Mord begangen? War er von den Marsmenschen wirklich auf ihren Planeten eingeladen gewesen?
Im abschließenden dritten Teil geht es vor allem um die Sprache in Alexander Bogdanows utopischen Roman.

