Johann Christian Günther – Ein Barockdichter überragt seine Zeit (Teil 3)
1722 zog Johann Christian Günther nach Jena, um dort sein Medizinstudium wiederaufzunehmen und zum Abschluss zu bringen. Ohne Studienabschluss, hatte der Vater von Johanna Barbara Littmann entschieden, werde es keine Heirat geben. Fast noch schwerer zu erfüllen war die zweite Bedingung: Günther sollte sich mit seinem Vater versöhnen.
Tatsächlich war aber an eine Wiederaufnahme des Studiums nicht mehr zu denken. Als Günther im Dezember 1722 Jena erreichte, war er bereits ein schwerkranker Mann. Auch die Pflege durch Freunde half nichts mehr. Durch die Not der vergangenen Jahre schon gesundheitlich angeschlagen, schritt sein Verfall schnell voran.
Günther glaubte selbst nicht mehr an seine Genesung, auch wenn die Überschrift „An die Liebe“ im ersten Moment anderes erwarten lässt.
Ich habe zeitig ausgedient,
Mein Frühling ist in Angst vergrünt
Und als ein Strom dahingefahren.
Mein Auge, deßen feurig Spiel
Den Schönen in das Auge fiel,
Hat manchen Siegeskranz empfangen;
Dies Auge sieht jezt läßig zu
Und winckt mit thränendem Verlangen
Der in der Welt versagten Ruh.
Am 15.3.1723 schloss Günther für immer die Augen. Vermutliche Todesursache: Tuberkulose. Für einen Grabstein fehlte das Geld und so geriet der genaue Ort seiner Bestattung auf dem Kirchhof vor dem Johannistor bald in Vergessenheit.
Mit einem Gedicht versuchte Günther seinen Vater milde zu stimmen
Zuvor war auch Günthers letzter Versuch erfolglos geblieben, sich mit seinem Vater zu versöhnen. Obwohl er wusste, dass sein Vater die Dichterei als brotlose Kunst hasste, versuchte er ihn mit einem Gedicht versöhnlich zu stimmen.
Bereits der auch für den Barock ungewöhnlich lange Titel fällt auf: „Den Unwillen eines redlichen und getreuen Vaters suchte durch diese Vorstellungen bey dem Abschiede aus seinem Vaterlande zu besänftigen ein gehorsamer Sohn“.
In 416 Versen breitete Günther gleichermaßen seine Lebensgeschichte und seine Lebensideale aus wie er seinen Vater lobpreiste und ihn an gemeinsame, glückliche Tage erinnerte:
O wie mancher Abendstern sah mich unter deinen Lehren!
Damahls lernt ich als ein Kind Rom und Griechenland verehren,
Wenn mein Ohr an deinem Munde mit erhizter Sehnsucht hing
Und der Nachdruck beider Sprachen lustig ins Gedächtnüß gieng.
Alles kont ich nach und nach, so zu reden, spielend faßen,
Was die Knaben sonst bewegt, daß sie Buch und Feder haßen,
Weil der Schulfuchs Lust und Liebe mit der Ruthe niederschlägt
Und durch so viel tolle Regeln auf die strengste Folter legt.
Um nun hinter den Bestand meiner Neigung recht zu kommen,
Hastu mir oft selbst das Buch als zur Strafe weggenommen.
Diese wohlgemeinte Klugheit mehrte sonderlich in mir
(Kinder thun verbothne Sachen) Fleiß und Eifer und Begier.
Für andere Berufe, versuchte Günther seinem Vater zu erklären, tauge er einfach nichts. Weder die Juristerei noch die Theologie oder Medizin entsprächen seiner Persönlichkeit. In höchsten Tönen lobte er dagegen die Dichtkunst, der er schon seit frühester Kindheit verfallen sei.
Was die Poesie betrift, muß ich frey heraus bekennen:
Ich empfand schon als ein Kind ihren Trieb im Herzen brennen.
Da mich nun die blinde Neigung ihr schon damahls zugeführt,
Schenck ich ihr auch noch die Liebe, die anjezt Vernunft regiert.[…]
Dichter, sind sie, was sie sind, müßen feuerreiche Gaben,
Wiz, Verstand, Gelehrsamkeit, Tugend und Erfahrung haben
Und die Menschen, derer Augen die entblöste Warheit fliehn,
Durch die Weißheit in den Bildern recht mit Lust zum Guten ziehn.
Dass sein Vater ihn verstoßen hatte, konnte und wollte Günther nicht verwinden. Auch wenn er seinen Schmerz in diesem Gedicht vielleicht mit Bedacht überhöhte, um seinen Vater zu rühren, seine wiederholten Aussöhnungsversuche zeugen doch davon, dass er tatsächlich unter dieser Situation zeitlebens gelitten hat.
Sucht ich mich auch noch so wohl unter Leuten aufzuführen,
Muß ich dennoch überall Glauben, Müh und Freund verlieren,
Wenn man hört, daß selbst der Vater, den ein gut Gerüchte schmückt,
Mich, sein Kind, nicht hören wolle. Sieh, mein Vater, was mich drückt;
Dadurch fällt mein zeitlich Wohl und das Heil des ganzen Lebens,
Alles, was ich denck und thu, wird durch deinen Zorn vergebens.
Sage mir, wem soll mein Herze auf der Welt wohl weiter traun?
Bin ich meiner Eltern Greuel, muß auch Fremden vor mir graun.
Würde der Vater ihm die Hand reichen, dann wollte Günther sich sogar unschuldig als schuldig bekennen. Wichtig war ihm nur die Versöhnung.
Wenn du ja nicht anders wilt, will ich mich gern schuldig nennen,
Dir zu Liebe will ich mehr, als ich selber weis, bekennen.
Doch alles das half nichts. Sein Vater blieb unerbittlich und ließ sich nicht umstimmen. Auch der sechste Versöhnungsversuch verhallte ungehört.
Ein Ring mit Totenkopf für die Geliebte
So wenig Günther auf seine Liebeslyrik reduziert werden darf, wie es manchmal geschieht, so wenig darf sie aber auch ausgeklammert werden. Nicht zuletzt seine Liebeslyrik hat seinen weit über den Barock hinaus dauernden Ruhm ganz wesentlich begründet.
Zu seinen tiefgründigsten Versen gehört: „Als er der Phillis einen Ring mit einem Todtenkopfe überreichte“.
Erschrick nicht vor dem Liebeszeichen,
Es träget unser künftig Bild,
Vor dem nur die allein erbleichen,
Bey welchen die Vernunft nichts gilt.
Wie schickt sich aber Eiß und Flammen?
Wie reimt sich Lieb und Tod zusammen?
Es schickt und reimt sich gar zu schön,
Denn beide sind von gleicher Stärcke
Und spielen ihre Wunderwercke
Mit allen, die auf Erden gehn.Ich gebe dir dies Pfand zur Lehre:
Das Gold bedeutet feste Treu,
Der Ring, daß uns die Zeit verehre,
Die Täubchen, wie vergnügt man sey;
Der Kopf erinnert dich des Lebens,
Im Grab ist aller Wuntsch vergebens,
Drum lieb und lebe, weil man kan,
Wer weis, wie bald wir wandern müßen!
Das Leben steckt im treuen Küßen,
Ach, fang den Augenblick noch an!
Es ist schon ein seltsames Geschenk, das Günther seiner geliebten Phillis in diesen Versen überreichte. Obwohl der Totenkopf als Symbol für den Tod in der Kunst des Barocks viel stärker präsent war als jemals zuvor (und auch danach), dürfte dieses Gedicht auch bei seinen Zeitgenossen Fragen provoziert haben.
Der 30-jährige Krieg und die Pestepidemien des 17. Jahrhunderts hatten den Tod stärker in das Blickfeld der Menschen gerückt. Das Spannungsfeld „Tod – Leben“ erlangte eine Bedeutung wie nie zuvor. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen stellte Günther dem Tod jedoch nicht allgemein das Leben gegenüber, sondern die Liebe. Nicht das Leben und der Tod, sondern die Liebe und der Tod waren für ihn „von gleicher Stärcke“. Der Ring mit dem Totenkopf wurde somit zur Aufforderung, das Leben und die Liebe zu genießen, weil niemand wissen konnte, wann der Tod kommen und dem Leben ein Ende setzen würde.
Frauen waren für Günther „schöne Engel“ und durften manchmal auch von „klugen Sinnen“ sein
In verschiedenen Gedichten Günthers fällt sein für den Barock untypisches, bereits in die Aufklärung weisendes Frauenbild auf. In anderen Gedichten wieder verbreitete er ein traditionelles, konservatives Frauenbild. So wenig er ein Rebell gegenüber der Kirche war, so wenig war er ein Rebell in der Frauenfrage. Die Frau war für ihn ein „schöner Engel“ und die „Seele meines Lebens“. Natürlich lockte sie die Männer durch Schönheit und erotische Ausstrahlung. Er, oder allgemein der Mann, hatte dagegen Anlass zur „Reu“und war nur der Frau ihr „Knechte“.
In seinem Drama „Die von Theodosio bereute Eifersucht“ hatte er mit Eudocia noch eine selbstbewusste Frau auf die Bühne gebracht, die den Plutarch liest und Interesse an der Wissenschaft hat. In einem Freundschaftsgedicht „An die Frau von Breszlerin“ lobte er sie als „gelehrt- und muntre Dame“ mit „klugen Sinnen“.
Der Ausbruch deiner klugen Sinnen
Vermehlt dich mit den Pierinnen.
Verleugne nur nicht deinen Werth,
Er blizt aus Stellung, Aug und Schriften
In seiner Ode „In einem Gespräche zwischen Damon und Lehngen“ treten sich Mann und Frau gleichberechtigt auf einer Ebene gegenüber. Damon und Lehngen sind ein Paar, doch betet Damon auch Leonoren an. Statt ihre verlorene Liebe zu betrauern, sucht Lehngen wiederum ihr Glück bei Selander. Damon allerdings beginnt seine Untreue zu reuen und versucht Lehngen zurückzugewinnen, die ihrerseits ihre Untreue inzwischen auch bereut. Beide stehen zu ihren zwischenzeitlichen Affären, keiner macht dem anderen Vorwürfe.
Damon.
Jetzt tröst ich mich mit Leonoren
In heiß und angenehmer Pein,
Mein Vers ergezt ihr Geist und Ohren,
Und bringt mir manche Nacht-Lust ein:
Sie ist ein Kind von edlen Sitten,
Und eh ich sie verlieren kan,
Eh will ich selbst den Himmel bitten,
Er fang an mir die Trennung an!Lehngen.
Mich fesseln auch Selanders Blicke,
Und ihn entzückt mein weicher Arm,
Die Eintracht schenckt uns Ruh und Glücke,
Und macht uns unter Rosen warm:
Ich weiß, wie viel ich an ihm habe,
Wir sind ein Hertz und auch ein Sinn;
Erlöst ich ihn dadurch vom Grabe,
So fiel ich selber zehnmahl hin.Damon.
Wie wenn ich Leonoren haßte?
Wie wenn ich dich, mein erstes Licht!
Mit neuer Reu und Lust umfaßte?
Ach! alte Liebe rostet nicht.
Wie, wenn es zur Versöhnung käme,
Und Lehngen vor Selanders Brust
Den treuen Damon wieder nähme?
Ein kurtzer Krieg mehrt oft die Lust.Lehngen.
So scharf ich gegen ihn entbrenne,
So schön, galant und treu er ist,
So gut ich deine Regung kenne,
Und weiß, was vor ein Rohr du bist;
So wenig kan ich mich bezwingen,
Dem Damon länger gram zu seyn.
Komm laß uns mit einander singen:
Ich leb und sterbe dir allein.
Wie in fast allen seinen Gedichten hat es Günther auch hier mit der Schreibweise vieler Worte und der Zeichensetzung nicht sonderlich genau genommen. Das „Lehngen“ statt „Lenchen“ geht allerdings auf die im Ostmitteldeutschen bis in das 18. Jahrhundert hinein gerne mit dem Diminutivaffix -gen gebildete Verkleinerungs- oder Verniedlichungsform zurück.
In anderen Gedichten wiederum wollte er von gebildeten Frauen nichts wissen. Zu seinen konservativsten Versen gehört das Gedicht: „An Leonoren, als sie sich betrübte, dasz Leute ihres Geschlechts des Studirens beraubt wären, und dahero eine Deutschgeschriebene Anleitung zu den höhern Wiszenschaften von Gott und dem Weltgebäude verlangte“.
Begehre nicht so viel zu hören;
Wer wenig weis, der sündigt schlecht,
Der Umfang unsrer Weißheitslehren
Ist nicht vor jeden Kopf gerecht.
Die Warheit schadet viel Gemüthern
Wie blöden Augen scharfes Licht;
Behilf dich mit geringern Gütern,
Zu diesem Schaze kommst du nicht.Du kanst gleichwohl zufrieden leben
Und einmahl froh zu Grabe gehn
Und brauchst, ach glaube doch, nicht eben
Den hohen Leibniz zu verstehn.
Du hast genung vor dein Geschlechte,
Nachdem dein lobenswerther Fleiß
Die Wirthschaft und des Höchsten Rechte
So wie des Umgangs Regeln weis.
Auch wenn er gebildeten Frauen oftmals skeptisch gegenüber trat, auf ein „gleichgesinntes Herz“ und in „recht vergnügter Eh den Himmel auf der Welt“ wollte er nicht verzichten. Liebe konnte nach seinem Verständnis nur gedeihen, wo Mann und Frau in freiwilliger Gemeinsamkeit zusammenfanden.
Der, so im Himmel wohnt und ins Verborgne sieht,
Mag selber Zeuge seyn, wie starck mein Eifer glüht,
Ein gleichgesinntes Herz und treues Weib zu finden,
Bey der sich Tugend, Wiz und Zärtligkeit verbinden.
[…]
Und darum hoft mein Geist, wofern er dich erhält,
In recht vergnügter Eh den Himmel auf der Welt.
Die Eintracht soll bey uns in Bett und Tische lachen
Und unsern Lebenslauf voll güldner Stunden machen.
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