Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ hat nur wenig von seiner Aktualität verloren (Teil 1)
Mein Deutschlehrer war schuld. Schuld, dass ich 1969 für das mündliche Abitur in Deutsch ein Thema wählte, das in der aufgeheizten politischen Atmosphäre Westberlins allzu brisant war: Die literarische Gestaltung der deutsch-deutschen Teilung am Beispiel von Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ und Hermann Kants „Die Aula“. Das ging so natürlich nicht, sondern musste um Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ ergänzt werden.
Am 2. Juni 67 war auf einer Demonstration Benno Ohnesorg erschossen worden, doch der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz billigte „ausdrücklich und mit Nachdruck […] das Verhalten der Polizei“. Sein Nachfolger Klaus Schütz hatte die Stimmung weiter angeheizt, als er den „anständigen“ Bürgern zurief: „Ihr müsst diese Typen sehen, ihr müsst ihnen genau ins Gesicht sehen.“ Und sie hatten verstanden: Schlägertrupps, von Bild als „beherzte Berliner“ gefeiert, machten Jagd auf alle Langhaarigen. Am 11. April 68 war ein Anschlag auf Rudi Dutschke verübt worden, die Stadt trieb auf die schwersten Straßenschlachten seit der Weimarer Republik und den ersten großen Bildungsstreik zu.
Auch an meiner Schule gärte es. Das erste Mal hatten Schüler es gewagt, sich auf der jährlichen Hetzveranstaltung mit dem rechtslastigen Kuratorium Unteilbares Deutschland nicht für ihre „Brüder und Schwestern in der Ostzone“ zu erheben. Widerstand regte sich ebenfalls gegen das von der Schulleitung – milde ausgedrückt – geduldete Treiben der Außerparlamentarischen Mitarbeit, über die Innensenator Kurt Neubauer später sagte, dass sie wegen ihrer rechtsradikalen Aktivitäten beobachtet werde.
So mutig mein Deutschlehrer war, aber ohne Entschärfung, befürchtete er – und das wohl zu Recht –, würde das Thema nicht durchgehen.
Im folgenden soll es jedoch weder um Uwe Johnson gehen, der mich niemals wirklich ansprechen konnte, noch um Hermann Kant, dem ich vielleicht später einmal einen Blogbeitrag widmen werde. In diesem Blogbeitrag will ich mich ausschließlich mit Christa Wolf und ihrer Erzählung „Der geteilte Himmel“ auseinandersetzen.
Die 19-jährige Rita Seidel, auf dem Dorf aufgewachsen, lernt auf einer Tanzveranstaltung den zehn Jahre älteren Chemie-Doktoranden Manfred Herrfurth kennen und verliebt sich in ihn. Sehr zu seinem Missfallen meldet sie sich zum Studium am Lehrerseminar an. Beide ziehen zu seinen Eltern nach Halle. Bis zum Studienbeginn arbeitet sie im Waggonbau Ammendorf. Als ein von Manfred maßgeblich mitentwickeltes neues Produktionsverfahren von oben abgelehnt wird, nutzt er einen Kongress in Westberlin, um sich aus der DDR abzusetzen. Rita reist ihm nach, fühlt sich im Westen aber fremd und kehrt alleine zurück. Die Mauer wird gebaut, Rita erleidet einen Zusammenbruch. Nachdem sie im Krankenhaus aufwacht, lässt sie die Geschehnisse der vergangenen zwei Jahre Revue passieren.
Christa Wolf wusste zu differenzieren und Fragen zu stellen
Hätte Christa Wolf einfach nur diese hier in wenigen Worten wiedergegebene Geschichte ausgeschmückt, wäre die Erzählung vielleicht nett zu lesen gewesen, aber wie so viele andere Aufbaugeschichten von DDR-Schriftstellern gut zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR keines Nachdenkens mehr Wert. Doch „Der geteilte Himmel“ war weit mehr, und das nicht nur, weil Christa Wolf meisterhaft zu erzählen wusste. Was ihn meilenweit über andere Erzählungen hinaushob und hinaushebt, ist Christa Wolfs Fähigkeit, zu differenzieren und Fragen zu stellen.
Wer soll in Deutschland das Sagen haben? Wie gehen wir mit unserer Geschichte um? Wann beginnen Kompromisse moralisch verwerflich zu werfen? Kann Unrecht tun, wer das Richtige will? Was treibt die Menschen und die Geschichte an? – Fragen also, die keineswegs nur Menschen in der DDR stellten.
Ihr möchtet euch vielleicht einreden, dass der Mensch aus der Geschichte gelernt habe, trumpft Manfred gegenüber Werkleiter Wendland auf, aber „die Vernunft war niemals ein geschichtsbildender Faktor. Seit wann fühlt sich der Mensch durch Vernunft beglückt?“ Auch er habe, sagt Manfred an anderer Stelle, einst „Illusionen“ gehabt, diese aber längst aufgegeben.
Die Frage nach der Vernunft und daraus abgeleitet nach dem vernünftigen Handeln bewegt die Menschen seit Jahrtausenden. In seiner 1731 veröffentlichten Schrift „Erste Gründe der gesamten Weltweisheit“ definierte Johann Christoph Gottsched, „so sehen wir, daß unsere Seele ein Vermögen habe, den Zusammenhang allgemeiner Wahrheiten einzusehen. Dieses Vermögen nennen wir die Vernunft.“ Und drei Absätze weiter: „Dasjenige wird der Vernunft gemäß genennet, was mit den bereits bekannten allgemeine Wahrheiten zusammenhängt; oder durch richtige Folgerungen daraus hergeleitet werden kann.“
Gottscheds Definition kannte ich vor vierzig Jahren natürlich genauso wenig wie die Definitionen von Platon, Aristoteles, Hume, Kant, Hegel, Marx, Engels oder Adorno. Das verhinderte aber nicht, zu fragen: War es vernünftig, im Osten Deutschlands etwas Neues zu probieren? War es vernünftig, auf die alten Eliten zu verzichten? War es vernünftig, auf sie zu verzichten, auch wenn sie Deutschland zwar gerade erst in die Katastrophe geführt hatten, aber mit ihren Leitungserfahrungen einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung garantieren konnten?
Christa Wolf machte sich ihre Antworten nicht leicht. Mit einer Vielzahl an Figuren schuf sie das Spiegelbild einer Gesellschaft, die, zutiefst von NS-Zeit und Krieg gezeichnet, um ihre Zukunft rang. Der grandiose Erfolg ihrer Erzählung in der DDR lag nicht zuletzt darin begründet, dass sich viele Menschen in diesen Figuren wiedererkannten.
Protagonisten mit Ecken und Kanten wie im realen Leben
Für jene Leser dieses Blogbeitrages, die den geteilten Himmel nicht kennen, seien die wichtigsten Protagonisten mit ein oder zwei Sätzen oder auch nur Stichworten vorgestellt:
Rita Seidel, deren Vater nicht aus dem Krieg zurückgekehrt ist und für deren Mutter „alles Neue schlechter war als alles Alte“, Versicherungsangestellte, angehende Lehrerin.
Manfred Herrfurth, dessen Vater früh in die SA eingetreten ist und dessen Mutter für ihn eine Schauspielerkarriere erträumte, der stattdessen aber Chemie studierte, auch um seine Mutter zu demütigen.
Manfreds Mutter, „säuerliche Vornehmheit“ zur Schau stellend, hofft auf eine Flucht ihres Sohn in den Westen, um mit ihrem Mann nachfolgen zu können. Dass dieser nach Manfreds Flucht nur fragt, „Warum denn?“, statt ihm zu folgen, lässt ihren Lebenswillen zerbrechen. Wenige Tage später ist sie tot.
Manfreds Vater, der einst den Nazis gedient hat und jetzt den Kommunisten dient, trägt seit einiger Zeit das Parteiabzeichen der SED im Knopfloch und macht im Betrieb Karriere. „Ein Mitläufer, mehr nicht, das hat er mir oft versichert, und es stimmt. Ein deutscher Mitläufer. Eine Überzeugung hat er nie gehabt“, sagt Manfred, der nicht weiß, wen er mehr verabscheuen soll: seinen Vater oder die Genossen. Doch „woher sollten in diesem Land auch die ganzen ehrlichen Leute kommen?“, muss Manfred sich insgeheim eingestehen.
Erst Wendland, Produktionsleiter im Waggonbau Ammendorf, der gerne wie die Arbeiter sein möchte, aber doch keiner der Ihren (mehr) ist. Als der alte Werkleiter sich in den Westen absetzt, wird er der neue Werkleiter.
Erwin Schwarzenbach, Kommunist und Lehrerwerber, der auch Rita geworben hat und sich fragt: „Hat es Sinn, die Wahrheit, die man kennt, immer und unter allen Umständen zu sagen?“
Günter Ermisch, Brigadier, Kommunist, der eher am Wohlergehen seiner Brigade als des Werkes interessiert ist.
Rolf Meternagel, einst Tischler, dann Soldat, in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten, in die SED eingetreten. Die nächsten Jahre „schleuderten ihn hoch mit einer Kraft, die es in seinem Leben niemals vorher gegeben hatte, sie forderten viel mehr von ihm, als er geben konnte“. Nur manchmal fragt er sich: „Regiere ich das alles oder werde ich regiert?“
Herbert Kuhl, Leutnant der Wehrmacht, der „niemals was halb getan“ hat. An Gesprächen und Auseinandersetzungen beteiligt er sich nur mit einem spöttischen Lächeln.
Franz Melcher, für den vieles möglich ist, „bloß sein eigenes Nest bescheißen, das ist unmöglich für einen normalen Menschen“.
Wolfgang Liebentrau, der sich am liebsten unsichtbar machen würde, nur um nicht im Mittelpunkt zu stehen.
Karßuweit, der Älteste in der Brigade, der in Ostpreußen Tischler bei einem Gutsbesitzer war und immer noch stolz auf den Baron ist, auch wenn er ihnen die Eier wegfraß.
Hänschen, der jüngste in der Brigade Ermisch, immer fröhlich, obwohl er bei den Frauen bislang wenig Glück hatte.
Martin Jung, Manfreds Freund, der exmatrikuliert wird, weil er einer Betriebsversammlung öffentlich seine Meinung gesagt hat. Gemeinsam haben sie das neue Produktionsverfahren entwickelt.
Mangold, SED-Mitglied, Parteikarrierist, von dem Rita nur Schlimmes befürchtet: „Vor allem aber fühlte sie, daß Mangold, wenn er sich durchsetzen konnte, ihr viel mehr zerstörte als die Möglichkeit, Lehrerin zu werden. Noch war die Gewißheit, daß Meternagels und Wendlands und Schwarzenbachs Lebensgrundsätze einmal das Leben aller Menschen bestimmen würden, nicht sehr fest.“
Doktor Müller, der auf einer Abendveranstaltung bei Manfreds Professor für einen Eklat sorgt, als Namen für neu kreierte Cocktails gesucht werden:
Da bringt Doktor Müller, der schon fast betrunken ist, unter Husten heraus: „Ich bin für ‚Verbrannte Erde‘!“
Gelächter. Plötzlich Stille.
Einen Preis für „Verbrannte Erde“?
Man schweigt.
Die Wunde liegt offen. Kein schöner Anblick.
In wenigen Worten oder Sätzen auf den Punkt gebracht
Für mich war und ist dieser kurze Auszug eine der beeindruckendsten Passagen in Christa Wolfs Erzählung. In wenigen Worten entlarvt sie reaktionäre Gesinnung besser als es ein langer Leitartikel vermögen könnte. Das ist überhaupt eine der Stärken von Christa Wolf: Statt etwas lang und breit zu erklären, bringt sie es mit wenigen Worten und Sätzen auf den Punkt.
Obwohl Passagen wie diese oder der zweifelhafte Wandel von Herrn Herrfurth vom Nazi zum SED-Mitglied im Westen als Beleg hätten dienen können, dass auch die DDR ein Ex-Nazi-Problem habe, übten sich die westlichen Kritiker in dieser Hinsicht in erstaunlicher Zurückhaltung.
Im zweiten, abschließenden Teil geht es unter anderem um die Frage, warum Rita Manfred nicht in den Westen folgt. Und was es mit dem „Selbstmordversuch“ von Rita auf sich hat.

