Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ hat nur wenig von seiner Aktualität verloren (Teil 2)
Die öffentliche Resonanz, die Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel“ im Osten wie im Westen auslöste, war überwältigend. Inhaltlich unterschied sich die Aufnahme ihres Werkes allerdings ganz grundsätzlich. Da damals an das Internet noch lange nicht zu denken war, war ich zum Abitur weitgehend auf meine eigenen Überlegungen angewiesen. Von den meisten Buchkritiken und Diskussionen wusste ich damals noch nichts. Anders verhielt es sich mit den politischen Rahmenbedingungen.
Auch wenn die westlichen Medien alle Vorwürfe gegen Adenauers Staatssekretär Hans Globke als kommunistische Propaganda und Hetze abzutun versuchten, seit Anfang der sechziger Jahre ließ sich nur noch schwer leugnen, dass Globke an den Nürnberger Rassegesetzen mitgeschrieben hatte. Mitte der sechziger Jahre gerieten dann auch Bundespräsident Heinrich Lübke wegen seiner KZ-Baupläne und schließlich ebenso Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen seiner Mitverantwortung für die Auslandspropaganda der Nazis zunehmend in die öffentliche Kritik.
So verwunderte es nicht, dass „Der geteilte Himmel“ in der DDR lebhafte politische Diskussionen auslöste, im Westen dagegen sehr schnell auf eine Liebesgeschichte reduziert wurde.
Besonders die Darstellung von Meternagel und Ermisch wurde in der DDR als „dekadent“ und die sozialistische Wirklichkeit „verzerrend“ kritisiert. Überhaupt zeichne Christa Wolf ein zu dunkles Bild vom Sozialismus in der DDR. Heute weiß ich, dass diese Diskussion von der SED gelenkt wurde. Damals sah ich das alles noch sehr viel unbefangener. Allerdings wurde über dieses Buch in der DDR tatsächlich lebhaft diskutiert. Für berechtigt hielt ich diese Kritiken im übrigen nicht. Dass Christa Wolf keine Scheu hatte, über unbestreitbare Widersprüche zu benennen, machte sie für mich gerade überzeugend.
In den westlichen Kritiken widerspiegelten sich diese Diskussionen zu meiner Überraschung erstaunlich wenig. Ein Kritiker sah in der Erzählung vor allem die „Geschichte einer Liebe, die sich nicht erfüllt“, ein anderer einen „leicht veredelten Lore-Roman“ und für einen dritten ging es in erster Linie um die „Schwierigkeiten einer Studentin“ und „ihre romantisierenden Vorstellungen von Liebe und individuellem Glück“.
Mit „Der geteilte Himmel“ schrieb Christa Wolf weit mehr als eine Liebesgeschichte
Natürlich ist „Der geteilte Himmel“ auch eine Liebesgeschichte. Christa Wolf hat schon sehr früh auf das „Ich“ einen großen Wert gelegt und die Ansprüche des Individuums gegenüber der Gesellschaft ernstgenommen. Mit dem Sozialismus hörten für sie die Widersprüche zwischen Individuum und der Gesellschaft keineswegs auf. Zugleich verstand Christa Wolf die DDR trotz aller ihrer Mängel, die sie in ihren späteren Werken mit zunehmender Deutlichkeit anprangerte, bis zum Ende als Gegenentwurf zur BRD.
Wird die Erzählung auf eine Liebesgeschichte reduziert, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum Rita sich gegen Manfred und für die DDR entscheidet. Tatsächlich warf ein West-Kritiker Christa Wolf vor, sie habe Rita „ohne Zwang“ in die DDR zurückkehren lassen.
Wenn mit „Zwang“ nur unmittelbarer, physischer oder psychischer Zwang gemeint ist, hat der Kritiker zweifellos recht. Aber so einfach ist es nicht. Rita selbst sagt: „Vor einem Jahr wäre ich mit Manfred gegangen, wohin er wollte.“ Doch seitdem hat sie viel dazugelernt. Aus einer unsicheren jungen Frau, die ihre Zukunft nicht zuletzt als Frau an der Seite von Manfred definiert, ist eine selbstbewusste Frau geworden, die eigene Lebensvorstellungen entwickelt. Immer mehr fühlt sie sich von Manfreds negativer Einstellung zum Leben und zu den Menschen abgestoßen.
Dass sie sich nicht mit Menschen wie Mangold abfinden will, die über „die Parteilinie wie die Katholiken über die unbefleckte Empfängnis reden“, ist Manfred unverständlich. Schwarzenbach sei Kommunist, „aber du bist keiner. Soll er kämpfen, soviel und gegen wen er will. Aber was verlangt er von dir?“ Doch nicht Schwarzenbach verlangt etwas von Rita, sondern sie selbst. Noch sind ihre Vorstellungen sehr diffus, aber es sind Menschen wie Schwarzenbach, Meternagel und Wendland, die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, denen sie sich zunehmend verbunden fühlt.
Verzweifeln über die Vergänglichkeit der Liebe
All dies ahnt der Leser allerdings mehr als dass er es wortwörtlich nachlesen kann. Christa Wolf liebt es, vieles nur anzudeuten. Wer nicht zwischen den Zeilen lesen mag, dem bleiben viele Facetten des Buches verschlossen. So legten sich die meisten westlichen Kritiker schnell darauf fest, dass Rita zwar in die DDR zurückgekehrt sei, dort aber unter dem Eindruck des 13. Augusts und der damit endgültigen Trennung von Manfred einen Selbstmordversuch unternommen habe.
Doch was hat Christa Wolf tatsächlich geschrieben?
Heute schreckt sie nicht mehr davor zurück, sich einzugestehen, daß es kein Zufall war, wann sie endlich zusammenbrach, und wo. Sie sieht die zwei schweren, grünen Wagen noch heranrollen, unaufhaltsam, ruhig, sicher. Die zielen genau auf mich, fühlte sie, und wusste doch auch: Sie selbst verübte einen Anschlag auf sich. Unbewußt gestattete sie sich einen letzten Fluchtversuch […]
Kann ein Schriftsteller so einen Selbstmordversuch beschreiben? An anderer Stelle beschreibt Christa Wolf, wie Rita nahezu in Trance arbeitete, wie sie unbedingt weiterarbeiten wollten, auch in den stickig-heißen, gerade aus der Trockenzelle kommenden Waggons, obwohl das eigentlich verboten ist. Doch die Arbeit drängte.
Schon gar nicht floh sie, weil der Bau der Mauer einen endgültigen Schlussstrich unter ihre Liebe gezogen hatte. Sie drohte unterzugehen,
Nicht mehr aus verzweifelter Liebe, sondern aus Verzweiflung darüber, daß Liebe vergänglich ist wie alles und jedes.
Deshalb weinte sie auch, als sie im Krankenhaus aus der Ohnmacht erwachte.
Auch wenn Rita enttäuscht ist, dass der im Waggonwerk entwickelte neue Leichtwaggon nicht in Produktion gehen wird, aus der Bahn wirft sie diese Entscheidung nicht. Im Gegensatz zur ihr sieht Manfred keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht nach Westberlin, als das von ihm mitentwickelte neue Produktionssystem abgelehnt wird. Den Kampf gegen diese Entscheidung überlässt er Martin, den er als „Dummkopf“ beschimpft. Gegenüber Rita verteidigt er seine Flucht später: „Man machte mir ein günstiges Angebot.“ In ihr „Wir haben gerade eine schwere Zeit“ ist er bereits nicht mehr einbezogen.
Angesichts der damaligen inhaltlichen Brisanz – heute ist das vermutlich nur noch schwer nachzuvollziehen – interessierte mich damals vor allem der Inhalt der Erzählung, während die literarische Umsetzung eine völlig untergeordnete Rolle spielte. Dabei befleißigte sich Christa Wolf in „Der geteilte Himmel“ einer Erzählweise, die sie später zur Perfektion entwickelt hat.
Erzählt wird „Der geteilte Himmel“ auf zwei Ebenen. Die erste Ebene ist im Krankenhaus angesiedelt, umfasst den Zeitraum von August bis November 1961 und ist im Präsens geschrieben. Im Krankenhaus blickt Rita darauf zurück, was seit dem Sommer 1959, als sie Manfred kennenlernte, geschehen ist. Diese Rückblicke stellen die zweite Ebene dar. Geschrieben sind sie im Imperfekt. Innerhalb dieser Rückblicke flicht Christa Wolf als Unterebene weitere Rückblicke ein: auf die NS-Zeit, den zweiten Weltkrieg, die erste Nachkriegszeit, die Aufbaujahre der DDR.
Die Rückblicke sind aus der Sicht von Rita, aber auch eines anonymen Erzählers geschrieben. Geschehnisse aus den früheren Zeiten werden dem Leser über Berichte von Manfred, Schwarzenbach und Meternagel nahegebracht.
Lesegenuss durch kunstvoll ineinander verwobene Erzählebenen und viele Dialoge
Die verschiedenen Ebenen der Erzählung sind vielfach miteinander verwoben. Ebenenwechsel erfolgen nicht nur zwischen den Kapiteln, sondern vielfach auch innerhalb der Kapitel. Für die Leser ist es deshalb nicht immer leicht, sofort zu erkennen, in welcher Ebene der Erzählung sie sich gerade befinden. Doch warum soll es ihnen leichter gemacht werden als Rita? Auch sie ist eine Suchende. Immer wieder fliehen ihre Gedanken aus dem Heute in die Vergangenheit. Dieses ineinander Verschwimmen der Ebenen kann für Rita und ihre Gefühlswelt stehen, die zwischen der Vergangenheit und dem heute die Zukunft zu finden sucht.
Im Gegensatz zu Rita kennen die Leser allerdings bereits das Ende, denn Christa Wolf erzählt die ganze Geschichte vom Schluss her. So ist weniger die Frage spannend, was geschieht, als vielmehr, warum es geschieht.
Auffällig ist, dass sie häufig die Erzählperspektive wechselt: Auktoriale, personale und Ich-Erzählform lösen sich ständig untereinander ab. Doch kein Wechsel erfolgt zufällig. Oft merkt man sie als Leser überhaupt nicht, so logisch erscheinen sie einem. Diese Wechsel und die von Christa Wolf häufig verwendete direkte Rede machen das Buch außerordentlich lebendig.
Auch mehr als vierzig Jahre nachdem ich „Der geteilte Himmel“ zum ersten Mal gelesen habe, begeistert mich die Erzählung noch immer. Obwohl die DDR nicht mehr existiert, haben die von Christa Wolf aufgeworfenen Fragen nur wenig an Aktualität verloren. Dass ihr Buch ganz nebenbei auch noch Auskunft über die DDR gibt, macht es doppelt lesenswert.
Am 1. Dezember 2011 ist Christa Wolf im Alter von 82 Jahren gestorben.

