Mit Eberhard Panitz auf Spurensuche zwischen Kaukasus, Wien und Berlin
Was geschah mit Siggi Fink? Starb er tatsächlich am Elbrus? Oder lebte er nach dem Krieg vielleicht doch eine zeitlang in Wien? Und was geschah mit seiner Frau Katja? Wer veranlasste ihre Entführung? Oder war es gar keine Entführung? Auch wenn sich Siggis Tochter Lisa und ihr Mann Martin Widerspan an jeden Strohhalm klammern, das Geheimnis doch noch lüften zu können, ernsthaft zu hoffen wagen sie es schon lange nicht mehr.
Doch dann trifft Martin den Ich-Erzähler des Romans wieder. Vor Jahrzehnten sind sie sich am Schwarzen Meer zum ersten Mal begegnet. Ihre Wiederbegegnung und ein ominöser Besucher aus dem Westen Deutschlands verleihen Lisas und Martins Suche neuen Schwung. Sollte das unmöglich Scheinende doch noch möglich werden?
Auf 250 Seiten lässt Eberhard Panitz in seiner Novelle „Der geheime Rotbannerorden“ die Leser mit Martin, Lisa und dem Ich-Erzähler auf Spurensuche gehen und dabei mehr als ein halbes Jahrhundert Geschichte lebendig werden.
Begonnen hatte alles 1933 mit der Machtübergabe an die Nazis. Martins Onkel Fritz Widerspan betrieb in Dresden gemeinsam mit Siegfried, genannt Siggi, eine Autowerkstatt und einen Fahrdienst. Das notwendige Kapital hatte einst Siggis erste Frau eingebracht. Geblieben sind nur der kleine Betrieb und die gemeinsame Tochter Lisa. Die Ehe dagegen ist längst geschieden und Siggi inzwischen mit Katja verheiratet.
Siggi, damals bereits Kommunist, und Fritz, wie er Nazi-Gegner, bringen mit ihren Autos politisch Verfolgte über die Grenze und transportieren illegale Zeitungen und Flugblätter – bis Siggi in den Krieg muss und an die Ostfront abkommandiert wird.
Dort verliert sich bald seine Spur. Er habe nicht lange auf deutscher Seite gekämpft, sondern sei bei der erstbesten Gelegenheit zu den Partisanen übergelaufen, heißt es. In Belorussland an der Beresina und im Kaukasus am Elbrus soll er gekämpft haben.
Und dort [am Elbrus, hwp] geschah dann auch das Unglück – oder sollte man es Glück nennen? –, daß dieser kleine, kluge Siggi Fink mit seinem lichterloh roten Haar unterm Stahlhelm samt Waffen, allem Marschgepäck und dem Motorrad spurlos und auf Nimmerwiedersehen verschwand.
So berichten es jedenfalls die Genossen Petrow und Uhlig.
Für Panitz bietet der Kaukasus das Panorama, um den Krieg vor den Augen der Leser lebendig werden zu lassen. Umfangreich zitiert er aus den Tagebuchaufzeichnungen von Ernst Jünger, den Kriegstagebüchern von Konstantin Simonow, den Kriegserinnerungen von Marschall Andrej Gretschko.
Das NKWD führt die Militärführung in Berlin an der Nase herum
So geheimnisumwittert wie Siggis Partisanenaktionen am Elbrus ist auch seine Beteiligung an der Aktion Beresina, dem größten Funktäuschungsmanöver des 2. Weltkrieges.
Im Sommer 1944 hatte die Rote Armee die Einheiten der Heeresgruppe Mitte um mehrere Hundert Kilometer zurückgeworfen und dabei auch Einheiten eingekesselt. Zu den Einheiten, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, gehörte das von Oberstleutnant Heinrich Scherhorn befehligte 36. Sicherungsregiment. Scherhorn hatte bereits lange am Sinn des Krieges zu zweifeln begonnen und stimmte deshalb nach kurzem Zögern der Idee des NKWD zu, die Militärführung in Berlin in die Irre zu führen. So meldete sein Funker der Wehrmachtabteilung Fremde Heere Ost, die Einheit sei zwar nordöstlich von Minsk eingeschlossen, aber bei ausreichender Unterstützung aus der Luft weiter kampffähig.
Tatsächlich ordnete Generaloberst Alfred Jodl Hilfe an und beauftragte mit der Umsetzung den als Mussolini-Befreier gefeierten SS-Sturmbannführer Otto Skorzeny. Ende August 1944 wurde die erste Gruppe Soldaten mit Fallschirmen abgesetzt – und von der Roten Armee festgenommen. In den folgenden Monaten versorgte die Luftwaffe die angeblich noch immer kämpfende Einheit mit Lebensmitteln, Sanitätsmaterial, Waffen und Munition. Obwohl in Berlin erste Zweifel aufkamen, wurde Scherhorn im März 1945 noch zum Oberst befördert und mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.
Auch an der gescheiterten Verhaftung des Wiener Gauleiters und Reichsstatthalters Baldur von Schirach im März 1945 und schließlichen Befreiung der österreichischen Hauptstadt soll Siggi beteiligt gewesen sein.
Als der Krieg bereits seit zwei Jahren zu Ende ist, wird Katja von zwei ominösen Russen abgeholt. Auch von ihr gibt es seitdem keine Nachricht mehr. Petrow und Uhlig versichern allerdings, dass Katja bald nach ihrem mysteriösen Verschwinden wieder mit Siggi zusammengekommen sei.
„Aufgehört, uns als ihre Feinde zu betrachten und zu hassen“
Zu DDR-Zeiten endeten alle weiteren Nachforschungen von Lisa und Martin an einer Mauer des Schweigens. Mit wem sie auch sprachen, niemand wollte Genaueres wissen. Stattdessen blieb es bei Andeutungen und Gerüchten.
Obwohl selbst betroffen, hatte Martin, ein in der DDR viel gelesener Schriftsteller, dafür jedoch Verständnis:
Zu DDR-Zeiten habe es zweifellos eine Menge gegeben, was man einfach als guter Mensch und Kommunist nicht leichthin sagte oder schrieb. Heutzutage könnte man sich natürlich in dieser schönen neuen freien Welt alles erlauben, fast jede Stichelei und sogar Gemeinheit – nur es würde nichts passieren und nichts erfolgen darauf.
Weil er jetzt zwar schreiben darf, was er mag, es heute aber niemanden mehr aufregt, hat er sein Schreiben aufgegeben. Nicht aufgegeben hat er indes das Fragen und Suchen nach Siggi und Katja. Heute darf und kann er auch die sowjetischen Genossen befragen. Auch wenn sie offiziell Freunde waren, Offenheit zeichnete das Verhältnis nicht aus.
Uhlig versucht das seltsame Verhältnis zu erklären:
Die waren eben da, die konnte man sich nicht aussuchen, wie sonst Freunde. Aber sie hatten sich uns ja auch nicht ausgesucht, sondern aufgehört, uns als ihre Feinde zu betrachten und zu hassen.
Nach und nach gelingt es Martin und Lisa, mehr über Siggi und Katja in Erfahrung zu bringen. Beide haben offenbar nach dem Krieg beim Aufbau der sowjetischen Forschungseinrichtungen bei Suchumi am Schwarzen Meer mitgeholfen, in denen von 1945 bis Mitte der fünfziger Jahre deutsche Wissenschaftler wie Manfred von Ardenne, Max Steenbeck, Gustav Hertz oder Heinz Barwich – teilweise zwangsverpflichtet, teilweise freiwillig – an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe arbeiteten.
Tagebuchaufzeichnungen von Manfred von Ardenne und Max Steenbeck lassen die Hoffnungen und Erwartungen der deutschen Wissenschaftler nachempfinden, die mit der Herstellung des atomaren Gleichgewichts einen Beitrag zur Friedenssicherung leisten wollten.
Der Preis dafür allerdings war hoch. Auch in der Sowjetunion ging die Entwicklung nicht ohne Atombombenversuche ab. Und wie die führenden amerikanischen Politiker und Militärs traten auch die führenden sowjetischen Politiker und Militärs die Interessen der Bevölkerung mit den Füßen. Auf einen ausreichenden Schutz der Menschen wurde verzichtet, ja die Menschen wurden in der Regel nicht einmal informiert. Auch Boris, der damals gezeugt wurde, ist lebenslang körperlich gezeichnet.
In diese Versuche, geht das Gerücht, seien auch Siggi und Katja involviert gewesen. Siggi habe sich damals sehr über den ungenügenden Schutz der Zivilbevölkerung aufgeregt, heißt es, was ihm großen Ärger eingebracht habe.
Doch passen die Puzzleteile, die Martin und Lisa gemeinsam mit dem Ich-Erzähler mühsam zusammentragen, tatsächlich zusammen? Wie verlässlich sind die Informationen des geheimnisvollen rumänischen Fotografen Valentin Lipescu? Bilden sie sich nur ein, auf den uralten Schwarzweißfotos Siggi und Katja wiederzuerkennen?
Fragen nach dem Sozialismus in der Sowjetunion und in der DDR
Immer mehr geht es Panitz im Verlaufe seines Romans, den er selbst als Novelle bezeichnet, nicht nur um Martin und Lisa, Siggi und Katja, sondern um die Frage, was überhaupt seit damals, als Siggi in den Krieg musste, geschehen ist. Wie war das mit dem Sozialismus in der Sowjetunion, dem sozialistischen Aufbau in der DDR, mit der vielbeschworenen Freundschaft zwischen beiden Staaten?
Oder ist alles, was wir jetzt hören, worüber wir lachen oder Rotz und Wasser heulen, nicht wahr und nichts wert – nie gewesen?
Nur eines ist am Ende gewiss: der Siggi Fink verliehene Rotbannerorden. Mit ihm wurden in der Sowjetunion militärische Heldentaten ausgezeichnet. Ausländer erhielten ihn nur in seltenen Ausnahmefällen.
Seine Spannung bezieht der Roman weniger aus dem Erzählstil von Panitz als durch seinen Inhalt. Die Kämpfe am Elbrus, die Beresina-Aktion, die von Schirach befohlene Aufführung von Wagners „Götterdämmerung“ im umkämpften Wien, die Verpflichtung deutscher Wissenschaftler in die Sowjetunion, der Widerstand gegen die Nazis, die Bombennächte von Dresden – alles das gibt den realen Hintergrund für den Roman „Der geheime Rotbannerorden“ ab.
Eine zusätzliche Authentizität erfährt der Roman durch die schon erwähnten einmontierten Auszüge aus Wehrmachtberichten, aus den Aufzeichnungen von Ernst Jünger, Konstantin Simonow und Andrej Gretschko, von Manfred von Ardenne und Max Steenbeck. Wiederholt war ich versucht zu überlegen, ob nicht auch Personen wie Siggi und Katja oder Lisa und Martin real gelebt haben.
Schade ist nur, dass „Der geheime Rotbannerorden“ etwas unbefriedigend lektoriert wurde. Auch wenn dies an einigen Stellen den Lesegenuss ein wenig schmälert, habe ich den Roman von Eberhard Panitz aber doch mit großem Interesse gelesen.
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