Franziska zu Reventlows »Herrn Dames Aufzeichnungen« entführen in das Mysterium Wahnmoching
»Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil« gelten als das wichtigste Buch von Franziska zu Reventlow. Hinter diesem »merkwürdigen Stadtteil«, der im Roman nur Wahnmoching heißt, verbirgt sich nichts anderes als Schwabing, die Heimat der Münchner Boheme. Im Mittelpunkt steht der Kreis der Kosmiker um den Mystiker Alfred Schuler, die Dichter Stefan George und Karl Wolfskehl sowie den Graphologen Ludwig Klages.
Eine Zeitlang gehörte diesem Kreis auch Franziska zu Reventlow an. Doch dessen Heidentum, seine Führerverehrung, sein Antisemitismus, seine Geschwätzigkeit begannen sie bald immer mehr abzustoßen. Als sie »Herrn Dames Aufzeichnungen« schrieb, hatte Franziska zu Reventlow sich bereits von ihm abgewandt und München lange verlassen.
In dem Roman rechnete sie mit viel Humor und vorgeblicher Naivität mit der Wahnmochinger Boheme ab. Berichtet wird aus der Sicht des Herrn Dame.
Herr Dame war seinem Äußeren und seinem Wesen nach durchaus der Typus junger Mann aus guter Familie und von sorgfältiger Erziehung mit einer Beimischung von mattem Lebemannstum – sehr matt und sehr äußerlich. Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalte auf die Straße gegangen, auch wenn ihm das Herz noch so weh tat – und das Herz muß ihm wohl oft sehr weh getan haben. Die Grundnote seines Wesens war überhaupt eine gewisse betrübte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trübsal, aber daneben liebte er Parfüms und schöne Taschentücher.
Er lebt nicht ganz freiwillig in München, sondern »gärenshalber«. So nimmt er auch »kein bestimmtes Studium« auf, sondern schaut sich nur mehr oder weniger orientierungslos um. Das ändert sich auch nur wenig, als er in den Kreis der Kosmiker eingeführt wird.
Alles ist ihm peinlich. Was es mit der weißen und schwarzen Magie auf sich hat, was mit den Seelensubstanzen, mit Kappadozien, was eine Wahnmochingerei und kosmische Träume sind, was das Enorme sein soll: Nichts will sich ihm alleine erschließen, immer muss er fragen. Doch er könne »nicht immer fragen und fragen wie ein vierjähriges Kind«.
Besonders peinlich allerdings ist ihm sein Namen, für den er sich zutiefst schämt.
Dame – Herr Dame – wie kann man Herr Dame heißen? so fragen die anderen, und so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort fand: Ich bin eben dazu verurteilt, und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen – zum Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung – einem matten, neutralen Auftreten, das mich irgendwie motiviert. Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen, und das Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur. Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen gelernt.
Trotzdem wird er schnell im Eckhaus heimisch, auch wenn ihm »einstweilen noch der Faden, die durchgehende Handlung, oder wie man das nennt«, fehlt. Für das Heimisch-werden ist vor allem Susanna verantwortlich, zu der er sich bald hingezogen fühlt.
Von Seelensubstanzen, alt-heidnischen Bräuchen und Heidentum in der katholischen Kirche
Es ist ein sonderbarer Kreis von Menschen, in den es Herrn Dame verschlagen hat. Sie wollen das Christentum durch ein neues Heidentum ablösen. An die Stelle der herrschenden patriarchalen Weltsicht soll eine matriarchale treten. Das Dionysische der Antike soll genauso wiederauferstehen wie das Hetärentum. Seelensubstanzen sollen über den Rang der Menschen entscheiden; ganz oben stehen jene mit vorwiegend römischen oder altgermanischen, ganz unten jene mit semitischen. Die »moderne, instinktlose, völlig maschinell gewordene« Welt soll durch eine Welt ersetzt werden, »in der Tische fliegen oder wenigstens fliegen würden, wenn man Wert darauf legte«. Spiritualität statt Wissen soll die Menschheit beflügeln.
Obwohl Herr Dame dieses Gespinst aus Mystik, Scheinwissenschaft und Rassenlehre kaum ansatzweise durchblickt, steigt sein Ansehen im Kosmikerkreis, als eine von ihm nur aus Höflichkeit hingeworfene Bemerkung als tiefste Erkenntnis verstanden wird.
Aber dann stand die Malerin auf und hielt ihre Hände darüber, man sah nur die schwarze Gestalt und die Hände über der Spiritusflamme, die in dieser Beleuchtung ganz grünlich aussahen.
Und nun waren alle ganz begeistert und sagten wieder, das sei ›enorm‹. Um auch irgend etwas zu sagen und mich gegen das junge Mädchen höflich zu zeigen, meinte ich, dieses offene Feuer in der Schale habe etwas von einem alt-heidnischen Brauch. Das war nur so hingesagt, weil mir nichts anderes einfiel, aber sie sahen mich bedeutungsvoll an, als ob ich einen großen Ausspruch getan hätte […]
Was in den Seelensubstanzen bereits angelegt ist, tritt im Verlaufe der Zeit immer deutlicher hervor: Zu den »Enormen« kann nur aufrücken, dessen Seelensubstanzen vor allem römisch oder altgermanisch sind. Wessen Seelensubstanzen dagegen vor allem jüdisch sind, ist zur Verdammnis verurteilt.
Zu den Wortführern der Antisemiten im Kosmischen Kreis gehört Delius.
»Nun«, fuhr Delius völlig unbeirrt und unpersönlich fort – er sah dabei die kappadozische Dame fest an, aber so, als ob sie gar nicht da wäre – »nun, der Protestantismus bedeutet den Sieg – ja, leider den Sieg des jüdischchristlichen Elementes über den Rest von Heidentum in der katholischen Kirche. Glauben Sie nur – was überhaupt an diesem Christentum, über das ich mich jetzt nicht näher auslassen möchte, in jenen traurigen Zeiten des Niedergangs noch lebendig und glühend war, das ist Rom – das ist die Blutleuchte des Altertums – die Blutleuchte Roms.«
Und als Warnung an alle, die meinen, sich sicher fühlen zu dürfen, fügt er hinzu, »mancher ist ein Jude, ohne es zu wissen«.
Wer denkt bei diesen Sätzen nicht an das, was nur zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des Romans in Deutschland ganz offizielle Staatspolitik werden sollte?
Gewalt und Angst leiten das Ende von Wahnmoching ein
Das Ende von Wahnmoching beginnt, als der Sonnenknabe Konstantin in Ungnade fällt, überfallen wird und verschleppt werden soll. Seine Geliebte Maria wird unter Druck gesetzt, jeden Kontakt mit ihm zu unterlassen, wenn sie nicht das gleiche Schicksal erleiden will. Dann verschwindet auch noch der Philosoph Dr. Sendt und die Gerüchteküche beginnt zu gedeihen.
Schon früher hatte Herr Dame geklagt, dass Gerüchte über Orgien kursierten, bei denen »den Göttern zu Ehren rauchendes Blut aus Schalen getrunken« werde. Auch er selbst stieß immer wieder auf verschlossene Türen.
»Überall sind mysteriöse Gemeinschaften, man hört von Satansmessen, Orgien, Magie und Heidentum sprechen wie von ganz alltäglichen Dingen, dann wird wieder getanzt und Tee getrunken, aber selbst beim Tee gibt es Geheimnisse und verschlossene Türen, hinter denen vielleicht ein Magier sein Wesen treibt.«
Nach dem Überfall auf den Sonnenknaben und dem Verschwinden des Professors beherrscht nur noch Angst das Leben im Eckhaus. Das Gerücht von »heidnische[n] Ritualmorde[n]« macht die Runde, dass »Blut von Sonnenknaben zu Zauberzwecken« gebraucht werde und »auf den Verrat kosmischer Geheimnisse […] der Tod« stehe.
Die Bewohner und Besucher des Eckhauses fürchten um ihre Gesundheit, wenn nicht um ihr Leben. Wer gehört zu den Auserwählten, den »Enormen«, die über das Schicksal der Anderen und besonders der Ausgestoßenen entscheiden?
Der Sonnenknabe Konstantin hat Wahnmoching bereits verlassen, ebenso der Dichter Adrian. Der Philosoph ist verschwunden, Susanna und Orlonsky wollen ebenfalls abreisen und auch Maria will fort.
Wäre da nicht die Liebe zu den Frauen im Eckhaus, hätte Herr Dame seine Sachen ebenso längst gepackt. Doch jetzt beschließt auch er seinen Aufbruch:
Es heißt wohl, daß niemand seinem Geschick zu entrinnen vermag, aber man kann es doch wenigstens versuchen.
Doch der Versuch misslingt. Bei einer Eisenbahnkatastrophe verliert er sein Leben.
Keine große Literatur, aber eine nett geschriebene Milieuschilderung
Das Fortgehen aus Wahnmoching, das als Aufgeben einer Welt der vorchristlichen Spiritualität, der heidnischen Symbole und Riten, des Matriarchalisch-Dionysischen verstanden werden könnte, erweist sich somit als vergeblicher Versuch, seinem vorbestimmten Schicksal entgehen zu können. Nicht nur er, sondern »jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie, der er nachleben müsse«, resümiert Herr Dame gleich zu Beginn des Romanes. Und mit diesem Gedanken lässt Franziska zu Reventlow den Roman auch enden: Ein Ausbrechen aus dieser Biographie sei unmöglich.
Formal betrachtet sind »Herrn Dames Aufzeichnungen« in Form eines Tagesbuches geschrieben. Liest man die einzelnen Einträge genauer, erinnern sie jedoch eher an Briefe denn an klassische Tagebucheintragungen.
Seine Authentizität erhält der Roman nicht zuletzt dadurch, dass Franziska zu Reventlow selbst mehrere Jahre Teil der von ihr geschilderten Münchner Boheme war. Ihre einstigen Freunde waren von ihrem Roman allerdings keineswegs begeistert. Allzu leicht ließen sie sich in »Herrn Dames Aufzeichnungen« wiedererkennen.
So verbirgt sich hinter Professor Hofmann niemand anderes als der jüdische Schriftsteller Karl Wolfskehl und hinter dem »Meister« der Dichter Stefan George. Der Philosoph Dr. Sendt lässt sich als der Philosoph Paul Stern und Hallwig als der Graphologe und Antisemit Ludwig Klages dechiffrieren. Sein fanatischer Antisemitismus hat ihm übrigens im westlichen Nachkriegsdeutschland nicht geschadet. 1952 durfte er sich zu seinem 80. Geburtstag sogar der Glückwünsche von Bundespräsident Heuss erfreuen.
Eine Hauptrolle spielte auch Franziska zu Reventlow, die sich mit Susanna ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. Ihr Sohn Rolf ist jener Junge, den Herr Dame lange Zeit fälschlicherweise für Marias Kind hält, und mit Orlonsky hat sie auch ihren Geliebten, den Glasmaler Bohdan von Suchocki verewigt.
Ebenso wenig ist das Eckhaus ein Phantasieprodukt: Tatsächlich wohnte Franziska zu Reventlow zu jener Zeit gemeinsam mit ihrem Sohn, mit Bohdan von Suchocki und mit dem Schriftsteller Franz Hessel in Schwabing im Eckhaus Kaulbachstraße 63.
Eine literarische Glanzleistung ist der Roman zweifellos nicht. Doch er ist nett erzählt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Franziska zu Reventlow hat sich selbst allerdings auch nie ernsthaft als Schriftstellerin bezeichnet. Dazu wurde sie erst im Feuilleton und in der Literaturwissenschaft.
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