Dezember 12, 2011
Von: Heinz W. Pahlke
Kategorie: Autoren und Bücher
Mein Deutschlehrer war schuld. Schuld, dass ich 1969 für das mündliche Abitur in Deutsch ein Thema wählte, das in der aufgeheizten politischen Atmosphäre Westberlins allzu brisant war: Die literarische Gestaltung der deutsch-deutschen Teilung am Beispiel von Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ und Hermann Kants „Die Aula“. Das ging so natürlich nicht, sondern musste um Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ ergänzt werden.
Am 2. Juni 67 war auf einer Demonstration Benno Ohnesorg erschossen worden, doch der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz billigte „ausdrücklich und mit Nachdruck […] das Verhalten der Polizei“. Sein Nachfolger Klaus Schütz hatte die Stimmung weiter angeheizt, als er den „anständigen“ Bürgern zurief: „Ihr müsst diese Typen sehen, ihr müsst ihnen genau ins Gesicht sehen.“ Und sie hatten verstanden: Schlägertrupps, von Bild als „beherzte Berliner“ gefeiert, machten Jagd auf alle Langhaarigen. Am 11. April 68 war ein Anschlag auf Rudi Dutschke verübt worden, die Stadt trieb auf die schwersten Straßenschlachten seit der Weimarer Republik und den ersten großen Bildungsstreik zu. Mehr lesen ...

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November 24, 2011
Von: Heinz W. Pahlke
Kategorie: Autoren und Bücher
Kein Wort zu Heinrich von Kleist. Das hatte ich mir Anfang dieses Jahres vorgenommen. Doch dann stieß ich gestern Abend durch Zufall auf eine Schlagzeile in der Jüdischen Allgemeinen. „Franzosenfresser ja, Antisemit nein“, prangte als Überschrift über einem Artikel, der, bereits Anfang März veröffentlicht, mir bislang entgangen war.
Wes Geistes Kind war Kleist, dessen 200. Todestag das gesamte Jahr 2011 über gefeiert wurde wie in der jüngeren Vergangenheit kaum ein anderer deutscher Schriftsteller? Wie bescheiden fiel dagegen 2003 das Erinnern an Johann Gottfried von Herder anlässlich seines 200. Todestags aus, 2006 das Gedenken an Heinrich Heine zu seinem 150. Todestag oder 2010 das Erinnern an den 200. Geburtstag von Ferdinand Freiligrath. Selbst Johann Wolfgang von Goethe 2007 und Friedrich von Schiller 2009 konnten nur schwer mit Kleist mithalten. Mehr lesen ...

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November 08, 2011
Von: Heinz W. Pahlke
Kategorie: Autoren und Bücher
1722 zog Johann Christian Günther nach Jena, um dort sein Medizinstudium wiederaufzunehmen und zum Abschluss zu bringen. Ohne Studienabschluss, hatte der Vater von Johanna Barbara Littmann entschieden, werde es keine Heirat geben. Fast noch schwerer zu erfüllen war die zweite Bedingung: Günther sollte sich mit seinem Vater versöhnen.
Tatsächlich war aber an eine Wiederaufnahme des Studiums nicht mehr zu denken. Als Günther im Dezember 1722 Jena erreichte, war er bereits ein schwerkranker Mann. Auch die Pflege durch Freunde half nichts mehr. Durch die Not der vergangenen Jahre schon gesundheitlich angeschlagen, schritt sein Verfall schnell voran.
Günther glaubte selbst nicht mehr an seine Genesung, auch wenn die Überschrift „An die Liebe“ im ersten Moment anderes erwarten lässt.
Ich habe zeitig ausgedient,
Mein Frühling ist in Angst vergrünt
Und als ein Strom dahingefahren.
Mein Auge, deßen feurig Spiel
Den Schönen in das Auge fiel,
Hat manchen Siegeskranz empfangen;
Dies Auge sieht jezt läßig zu
Und winckt mit thränendem Verlangen
Der in der Welt versagten Ruh. Mehr lesen ...

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November 02, 2011
Von: Heinz W. Pahlke
Kategorie: Autoren und Bücher
Die Audienz am Hofe von König August dem Starken endete für Johann Christian Günther mit einem Desaster. Nicht er, sondern Johann Ulrich von König erhielt den gut dotierten und vor allem hoch angesehenen Posten des Hofpoeten. Nicht minder schlimm waren die schnell aufkommenden Gerüchte, Günther sei betrunken zur Audienz erschienen.
Ob Günther tatsächlich betrunken war oder was tatsächlich an jenem Tag geschah, ist unbekannt. Bekannt ist aber, dass Günther bereits seit seiner Wittenberger Zeit viele Widersacher besaß, die alles daransetzen, ihm zu schaden. Mit seinem lockeren Studentenliedern machte er ihnen das allerdings auch nicht gerade schwer.
Auch wenn diese Lieder genauso wie viele seiner anderen Gedichte nicht wörtlich genommen werden dürfen, seinen Kritikern boten sie ausreichend Stoff für Verdächtigungen und Vorwürfe, er führe ein liederliches und ausschweifendes Leben. So heißt es in einem dieser Lieder: Mehr lesen ...

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Oktober 31, 2011
Von: Heinz W. Pahlke
Kategorie: Autoren und Bücher
Goethe hat ihn als ein „entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtniß, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grade, rhythmisch-bequem, geistreich, witzig“ gepriesen. Doch auch diese Lobesworte konnten nicht verhindern, daß heute nur noch den Wenigsten der Name Johann Christian Günther etwas sagt.
Auch mir war dieser Name unbekannt, bis ich ihm vor wenigen Wochen zum ersten Mal begegnete – in Goethes „Dichtung und Wahrheit“, aus dem auch das obige Zitat stammt. Günther wurde 1695 im schlesischen Striegau (heute Strzegom) geboren und starb, gerade einmal 28jährig, schon 1723 in Jena.
Bereits als Schüler an der evangelischen Gnadenschule in Schweidnitz (heute Świdnica) begann er zu dichten. Zu seinen ersten Gedichten gehörte das Trauergedicht „Als er sich über ihren Tod beklagte“, in dem er den Verlust seiner ersten großen Liebe, Flavia, beweinte, die 1714 im Alter von 15 Jahren tödlich verunglückte. Mehr lesen ...

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