Buchentdeckungen

Einige Gedanken zu Literatur und Philosophie

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Alexander A. Bogdanows „Der rote Planet“: eine sozialistische Utopie als gesellschaftlicher Gegenentwurf (Teil 1)

Juli 31, 2011 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher 1 Kommentar →

Warum ich zwar begeistert die Werke von StanisƂaw Lem, Arkadi und Boris Strugatzki, Thomas Morus und Tommaso Campanella gelesen, aber nie zu Alexander Alexandrowitsch Bogdanow gegriffen habe, vermag ich nicht mehr zu sagen. Als ich jetzt „Der rote Planet“ auf meinem Ebook-Reader entdeckte, habe ich das VersĂ€umte endlich nachgeholt. Und – die LektĂŒre hat sich gelohnt.

Als Bogdanow seinen utopischen Roman schrieb, war die Revolution von 1905 gerade von der zaristischen Armee blutig niedergeschlagen worden. Bogdanow, der sich 1896 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) und 1903 deren bolschewistischen FlĂŒgel angeschlossen hatte, hegte jedoch keine Zweifel, dass der nĂ€chste Anlauf, die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse in Russland grundlegend umzukrempeln, nicht lange auf sich warten lassen wĂŒrde.

Gleich zu Beginn des Romans „Der rote Planet“ (in manchen Übersetzungen auch „Der rote Stern“ genannt) erfahren die Leser von einem „Umbruch, der bis in die Gegenwart fortwĂ€hrt und sich nun wohl seinem unabwendbaren schrecklichen Ende nĂ€hert“ und an dem der Ich-ErzĂ€hler „als Amoralist, der einfach das Leben liebt“, beteiligt ist.

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FĂŒr den Schriftsteller Erasmus Schöfer gehören Lieben und KĂ€mpfen untrennbar zusammen

Juni 30, 2011 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher 1 Kommentar →

Lange, sehr lange ist es her, dass ich Erasmus Schöfer das letzte Mal begegnet bin. Es war in den siebziger Jahren, als er an zahlreichen Veröffentlichungen des Werkreises Literatur der Arbeitswelt als Herausgeber beteiligt war und von 1972 bis 1973 zudem als dessen Sprecher fungierte. Mit dem Niedergang des Werkkreises verlor ich auch ihn aus den Augen – bis ich dieser Tage in der Jungen Welt las, dass er am 4. Juni seinen 80. Geburtstag feierte.

Zweifellos ist Schöfer „ein literarischer Chronist der 68er“, als den die Junge Welt ihn bezeichnete – und doch greift diese Charakterisierung zu kurz. So tief wie Schöfer in der bundesrepublikanischen Linken verankert war, bieten seine Geschichten natĂŒrlich einen Einblick in die außerparlamentarische Opposition und Gewerkschaftsbewegung der sechziger bis achtziger Jahre. Wenn er die Ideen, Ängste, Erwartungen und Hoffnungen seiner Protagonisten schildert, reicht ihre Wirkung jedoch bis in die Gegenwart.

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Edoardo Sanguineti legte mit „Capriccio italiano“ ein Meisterwerk der modernen Literatur vor

Mai 09, 2011 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher Noch keine Kommentare →

Ich gebe zu, dass ich mich mit Edoardo Sanguineti und seinem „Capriccio italiano“ sehr schwer getan habe. Fast ein Jahr brauchte ich fĂŒr die rund 150 Seiten der Suhrkamp-Ausgabe von 1968. Dass er „nicht nur einer der bedeutendsten Vertreter der italienischen Gegenwartslyrik, sondern auch einer der letzten großen linken Intellektuellen“ Italiens war, wie Reinhard Sauer in der Jungen Welt schrieb, war zugegebenermaßen ein Motiv fĂŒr mich, nicht aufzugeben, sondern bis zur letzten Seite durchzuhalten.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die MĂŒhe hat sich gelohnt.

Bereits der Titel „Capriccio italiano“ lĂ€sst ahnen, dass Sanguineti mit „Capriccio italiano“ keinen Roman geschrieben hat, der traditionellen ErzĂ€hlformen folgt. Seit dem 13. Jahrhundert, als in Italien zum ersten Mal der Begriff des Capriccios auftauchte, steht er fĂŒr das Überschreiten von Grenzen, das phantasie- und lustvolle Übertreten von Normen, fĂŒr Werke voller Witz, Launen und VerrĂŒcktheiten.

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Mit „Stimmungen lesen“ will Hans Ulrich Gumbrecht der Literaturwissenschaft die Wissenschaft nehmen

April 28, 2011 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher Noch keine Kommentare →

Bereits der Titel von Hans Ulrich Gumbrechts neuestem Buch lĂ€sst Provokationen ahnen: „Stimmungen lesen. Über eine verdeckte Wirklichkeit der Literatur“. TatsĂ€chlich ist der seit mehr als zwei Jahrzehnten in den USA lebende und an der UniversitĂ€t Stanford lehrende Literaturwissenschaftler und Philosoph jederzeit fĂŒr eine Provokation gut. Mehr noch als die Wissenschaften versteht er es allerdings, das Feuilleton aufzustören.

Seine öffentlichkeitswirksame These lautet, dass Literaturwissenschaftler und -kritiker in BĂŒchern seit langem viel zu viel nach Bedeutungen suchten und zu wenig auf „Stimmungen“ achteten. Den durchschnittlichen Leser interessiere jedoch kein Wie und Warum. Vielmehr sollten Literaturinterpreten und Literaturhistoriker „heute mehr ‚stimmungsorientiert‘ lesen – nicht zuletzt deshalb ĂŒbrigens, weil es einem großen Teil der nichtprofessionellen Literaturleser heute, davon bin ich ĂŒberzeugt, vor allem um Stimmung geht, ohne dass sie sich dessen notwendig bewusst wĂ€ren (oder sein mĂŒssen).“

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Oskar Panizza und „Das Liebeskonzil“ – GotteslĂ€sterung oder Freiheit der Kunst? (Teil 2)

April 02, 2011 Von: Heinz W. Pahlke Kategorie: Autoren und BĂŒcher Noch keine Kommentare →

Gott Vater als seiner Schöpferkraft beraubter Greis, Maria mit ihrem Hochmut, Christus in seiner Leidensrolle und alle drei Im schĂ€ndlichen Pakt mit dem Teufel, der Papst als Stellvertreter Gottes ein liederliches Leben fĂŒhrend – das konnte der Obrigkeit nicht gefallen. FĂŒr sie war Oskar Panizzas „Das Liebeskonzil“ deshalb ein Skandal, den sie nicht durchgehen lassen durfte.

Obwohl Panizza nicht zum ersten Mal bei der Obrigkeit aneckte, wurde er von der Wucht der Reaktion auf „Das Liebeskonzil“ doch ĂŒberrascht. Seine erste Erfahrung hatte er 1891 gemacht, als er sich weigerte, aus der Gesellschaft fĂŒr modernes Leben auszutreten, und deshalb unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Die Gesellschaft fĂŒr modernes Leben, so der Vorwurf, propagiere eine Kunst mit realistischen Tendenzen und drohe deshalb „mit der weltlichen und kirchlichen Macht in Conflict zu gerathen“.

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